| Keine Schlacht von Badr |
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Keine Schlacht von „Badr" Zu syrischen Buchstaben in frühen Koranmanuskripten Christoph Luxenberg 1. Einleitende Bemerkungen In der ersten Studie „Die syro-aramäische Lesart des Koran", in der die Arbeitsmethode vorgestellt wurde,[1] wurden die Hauptpunkte genannt, die sich methodologisch aus einer ersten vortastenden Untersuchung des koranischen Textes ergeben hatten. Zwar wurde damals beobachtet, dass bei einzelnen Wörtern eine sinnvolle Lesung sich nur durch die Annahme einer zugrunde liegenden syrischen Schrift (sog. Garshuni /Karshuni) entziffern ließ,[2] doch dieser erste Verdacht wurde nach und nach erst zur Gewissheit, als die vertiefte philologische Analyse eine ganze Reihe solcher Fehltranskriptionen offenkundig gemacht hatte. Erste Ergebnissse darüber wurden im Beitrag „Relikte syro-aramäischer Buchstaben in frühen Korankodizes im ḥiǧāzī- und kūfī-Duktus" im Sammelband „Der frühe Islam"[3] vorgelegt. Weitere Beispiele neben anderen Fehllesungen in der kanonischen Koranfassung sollen nun mitgeteilt werden.
2. Nachweis eines syrischen Buchstabens im Kūfī-Kodex von Samarqand Für manche Kritiker, die solche philologischen Ergebnisse für eine reine These halten, weil sie sie nicht beurteilen können, wäre diese erst erwiesen, wenn eine in syrischer (Garshuni) Schrift verfasste Koranhandschrift nachgewiesen würde. Für die Erfüllung dieser Erwartung besteht jedoch kaum Aussicht, berichtet doch Ṭabari (gest. 923) in der Einleitung zu seinem Korankommentar, der dritte Khalif ʿUṯmān/Osman (644-656), der die heute als kanonisch geltende Koranfassung aus „Blättern" habe abschreiben lassen, die im Besitz der Prophetenwitwe Ḥafṣa gewesen seien, habe nach ihrem Tod angeordnet, diese „Blätter" wie auch alle damals in Privatbesitz befindlichen Korane zu tilgen bzw. zu verbrennen, und nur noch eine Lesung (unter Ausschluss der sechs übrigen) zuzulassen, um die Einheit der jungen islamischen Glaubensgemeinschaft zu wahren. Daher gebe es von den abweichenden sechs Lesungen keine Spur mehr.[4] Nicht alle hätten sich aber dieser Anordnung gebeugt. Dem ist die Überlieferung einer ansehnlichen koranischen Lesartenliteratur zu verdanken. Dazu gehört die Koranfassung des Ubai ibn Kaʿb, in der z.B. bezeugt wird, dass der arabische Name des Freitag, abweichend von Sure 62:9, wo der Freitag يوم الجمعة (yawm al-ǧumʿa) „Gemeindetag" genannt wird, bei Ubai يوم العروبة الكبرى (yawm al-ʿarūba l-kubrā) der „Große Freitag = Karfreitag" stand, wie der Karfreitag im vorislamischen christlichen Arabisch hieß.[5] Sicherlich ist dieses Detail noch kein Beweis dafür, dass der arabische Koran in syrischer Schrift geschrieben war. Aber vielleicht gibt uns ein weiteres Detail, ein Relikt aus der berühmten kūfī-Handschrift von Samarqand, einen konkludenteren Hinweis auf die Schriftart des vorarabischen Koran. Die nachfolgende Kopie entstammt dem 1905 publizierten Faksimile der Koranhandschrif von Samarqand.[6]
Die vorstehende Abbildung ist ein Ausschnitt aus Sure 7:11 und setzt ein nach ولقد خلقنكم ثم صورنكم (und wir haben euch erschaffen wie auch[7] ausgeformt) mit dem Satz (nach der Kairiner Ausgabe): ثم قلنا للمليكه اسجدوا لادم فسجدوا (Ferner [wiederum] sprachen wir zu den Engeln: werft euch vor Adam nieder, und sie fielen nieder). Das in der Kairiner Ausgabe wiederholte Verbum سجد /saǧada (nieder fallen, sich nieder werfen) ist in der Kairiner Ausgabe identisch. In der Samarqander Handschrift steht aber an Stelle des unterstrichenen ersten Verbums اسجدوا /usǧudū (werft euch nieder) ein anderes Wort, das man weder von der Schreibung noch vom Sinn her identfizieren konnte. Für sich betrachtet, sieht der Schriftzug so aus :
Dass dieses Wort nicht mit dem der Kairiner Ausgabe übereinstimmt, war schon dem pseudonymen Brother Mark[8] aufgefallen. Zu dem zweiten und dritten von ihm umkreisten Buchstaben des Samarqander Schriftzuges vermerkt er : „In line #1 in the 'original' of Q7:11 there is a sad [= صـ /ṣād] whereas there is a sin [= سـ /sīn] in the modern versions." Dabei hat der Autor 1) den ersten syrischen Buchstaben q /q (= arabisch قـ /q) für ein arabisches صـ /ṣād, 2) und das folgende syrische [ /ʿayn für ein arabisches جـ /ǧ (ohne Unterpunkt) gehalten. Letzteres Zeichen (حـ) unterscheidet sich nämlich im kūfī- wie im ḥiǧāzī-Duktus vom syrischen [ /ʿayn dadurch, dass der nach links geneigte Oberstrich sich (in medialer Stellung) um etwa die gleiche Länge unter die Linie zieht (ursprünglich Nachbildung des syrischen g /g ). Man vergleiche auf der oben abgebildeten Samarqander Seite, Zeile 2 links, das حـ in medialer Stellung im Schriftzug فسحدوا (zu lesen: fā-saǧadū) (und sie fielen nieder), so auch in Zeile 4 und 5, während das initiale حـ über der Zeile bleibt, wie in Zeile 7: حلقتنى (zu lesen:ḫalaqtanī ) (du hast mich geschaffen), und Zeile 8 : حلقته (zu lesen: ḫalaqtahu) (du hast ihn geschaffen). An letzterer Schreibung sieht man, dass das initiale arabisch حـ (ǧ /ḥ /ḫ) sich vom syrischen [./ʿayn kaum unterscheidet. Dabei hat man aus dem ursprünglich eindeutigen syrischen g /g das Zeichen für drei unterschiedliche Phoneme im arabischen Alphabet gemacht, die man später durch diakritische Punkte näher bestimmt hat (جـ /ǧ , حـ /ḥ , خـ /ḫ).
3. Entzifferung des Samarqander Schriftzuges
Aus der vorausgegangenen Darlegung wird das Samarqander Rätsel eigentlich klar (von rechts nach links): 1. Der erste Buchstabe ist ein syrisches q /q, dessen Nachbildung als arabisches قـ /q leicht erkennbar ist. 2. Das eigentliche Rätsel lag im folgenden, bisher nicht erkannten syrischen [./ʿayn, das in Verbindung mit dem folgenden kūfī-د /d die Lesung (syro-aramäisch) d[q /qʿaḏ = (arabisch) قعد /qaʿada ergibt. Da aber dieses Verbum arabisch „sich setzen, sich nieder setzen", das folgende سجد /saǧada aber „sich nieder werfen, nieder fallen" bedeutet, konnten sich die früheren Koranbearbeiter nicht vorstellen, dass Gott den Engeln befohlen haben soll, sich hin zu setzen, während sie sich in Wirklichkeit nieder werfen sollten, wie dies auch der Koran an vier weiteren Parallelstellen belegt (Sure 2:34; 17:61; 18:50; 20:116). Also hat man diese (arabisch) offensichtlich sinnwidrige „Verschreibung" emendiert, indem man sie kurzerhand durch das mit dem folgenden Verbum übereinstimmende اسجدوا /usǧudū (werft euch nieder) ersetzte. So liest auch Ṭabarī (VIII, 126), was dafür spricht, dass diese Emendation vor ihm (gest. 923) vollzogen wurde. Der syro-aramäischen Schreibung d[q /qʿaḏ entspricht aber - wie sonst im Koran so häufig - eine syro-aramäische Semantik. So gibt Mannā (689a/b) für syro-aramäisch d[q /qʿaḏ arabisch قعد /qaʿada = جثا /ǧaṯā (nieder fallen), ركع /rakaʿa (nieder knien) wieder. Somit stellt sich heraus, dass die Samarqander Lesung ـدوا[اقـ = (arabisch) اقعـدوا /iqʿadū nichts anderes ist als ein syro-aramäisches Synonym des darauf folgenden (gleichfalls dem Syro-Aramäischen entlehnten) arabischen Verbums سجد /saǧada (sich nieder werfen). Die nunmehr geklärte Samarqander Variante ist daher arabisch so zu lesen und (syro-aramäisch) zu verstehen: ثم قلنا للمليكه اقعـدوا لادم فسجدوا (ṯumma qulnā li-l-malāʾika [eigentlich: la-l-malāykē] iqʿadū li-Ādam [eigentlich: la-Ādam] fa-saǧadū) (Ferner sprachen wir zu den Engeln: werft euch vor Adam nieder, und sie fielen nieder). Ist damit nun erstmals ein syrischer Buchstabe in einer der frühesten uns bekannten Korankodizes im kūfī-Duktus empirisch nachgewiesen, so wäre es nicht verwunderlich, wenn der gleiche syrische Buchstabe [./ʿayn in einem für noch älter gehaltenen Korankodex im ḥiǧāzī-Duktus nachgewiesen würde. Dieser Beweis soll im Folgenden angetreten werden.
4. Zur Schlacht von „Badr" (Sure 3:123) Je nach Internet-Suchmaschine schwanken die englischsprachigen Ergebnisse zu „The battle of Badr" zwischen ca. 250.000 und 858.000 Treffern, wenn auch nicht alle sich auf die Schlacht selbst beziehen dürften. Daran kann man dennoch sehen, welche Bedeutung dieser „Schlacht" und dem damit für den Beginn der islamischen Eroberungen verknüpften „historischen" Sieg heute noch beigemessen wird. Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie im Internet, sei einleitend Folgendes dazu zitiert: „Die Schlacht von Badr (arabisch غزوة بدر /ġazwatu Badr [eigentlich «der Beutezug von Badr»]) fand am 17. März 624 (17. Ramadan 2 AH) im Hedschas im Westen der arabischen Halbinsel statt. Die Schlacht wird als ein Schlüsselereignis in der Frühgeschichte des Islam betrachtet. Sie stellt einen Wendepunkt im Kampf Mohammeds gegen die Quraisch, den herrschenden Stamm in seiner Heimatstadt Mekka dar. Badr ist eine der wenigen Schlachten, die im Koran Erwähnung finden. Des Weiteren wird die Schlacht in der islamischen Geschichtsschreibung als ein entscheidender Sieg entweder göttlicher Intervention oder der Führung Mohammeds zugeschrieben. Die Beschreibungen dieser Schlacht stammen aus traditionellen islamischen Quellen, namentlich der Sira- und Maghaziliteratur sowie der Hadithsammlungen." Was uns hier beschäftigen wird, ist nicht die Historizität der „Schlacht von Badr", sondern die Koranstelle, auf die sich die arabisch-islamische Geschichtsschreibung beruft. Hierzu ist der koranische Kontext unter Berücksichtigung des syro-aramäischen Hintergrunds hermeneutisch zu untersuchen. Zum Verständnis des Zusammenhangs müssen die vorhergehenden Passagen von Vers 118 bis 120 herangezogen werden. Zusammenfassend werden darin (118) die Gläubigen aufgefordert, sich keine Andersgläubigen zu Freunden zu nehmen, da diese ihnen nicht wohlgesonnen seien und sie hassen würden. (119) Den Gläubigen gegenüber würden sie sich zum Glauben bekennen, hinterrücks aber ihre Wut auf sie kundtun. So mögen sie in ihrer Wut sterben, denn Gott wisse, was die Herzen verbergen. (120) Erfahren die Gläubigen Gutes, so werde ihnen dies missgönnt, stößt ihnen Schlimmes zu, empfinden die Andersgläubigen Schadenfreude. Dieser Argwohn werde aber den Gläubigen nicht schaden können, sofern sie geduldig sind und Gott fürchten, denn Gott wisse um das Treiben ihrer Missgönner. Dass es sich bei letzteren um Angehörige der Schrift handelt, geht aus dem einleitenden Satz von Vers 119 hervor. Auf diesen soll hier nicht zuletzt aus syntaktischen Gründen eingegangen werden. Er lautet : هانتم اولا تحبونهم ولا يحبونكم وتومنون بالكتب كله Diesen inhaltlich relativ einfachen Satz verstehen unsere Referenzübersetzer syntaktisch wie folgt : Paret (54 f.): „Da liebt ihr sie nun, während sie euch nicht lieben, und glaubt (im Gegensatz zu ihnen) an die ganze Schrift." Blachère (92): 115/119„Vous êtes tels que voici : vous aimez [ces gens] alors qu'ils ne vous aiment pas ; vous croyez à l'Écriture tout entière...". Bell (I, 56) : 115. „There ye are ! Ye love them but they love not you ; ye believe in the Book, all of it, ...". Alle drei prominenten Arabisten konnten in diesem scheinbar einfachen Satz syntaktisch keinen Bedingungssatz erkennen, weil eine solche Satzkonstruktion im klassischen Arabisch ihresgleichen nicht hat. Nach arabischem Verständnis konnten sie daher in dem dem Personalpronomen انتم /antum (ihr) präfigierten هـ /ha nur eine Demonstrativpartikel (da / voici / there) sehen. Aramäisch aber ist dieses koranische ha nichts anderes als eine reduzierte Form der ursprünglich interjektionellen altaramäischen Bedingungspartikel הין /hayn, die stufenweise a) durch Monophthongisierung des Diphthongs ay zu hēn, b) und nach Abfall des End-nūn zu הי /hē geworden ist, wovon uns der Koran die Defektivschreibung mit einfachem هـ /h, wie vorliegend, erhalten hat. Die Erhaltung der einmaligen Pleneschreibung mit هيـ /hy (=hē) als Interjektion verdanken wir ebenfalls dem Koran, wo diese Partikel in Sure 12:23 (in gleicher Weise wie der Koran die Rufpartikel يا /yā mit dem folgenden Wort verbindet) proklitisch im bisher rätselhaften Wort هيت (hay-ta) begegnet, das Ṭabarī (XII, 178 ff.), trotz unterschiedlicher Meinungen zu dessen Herkunft (ḥawranisch, koptisch, syrisch, arabisch), aus dem Zusammenhang letztlich ebenso richtig versteht wie Paret („Komm her") und Bell („Come on"), während Blachère mit seiner Übersetzung „Me voici à toi" einer bei Ṭabarī vertretenen Meinung folgt. Dabei ist das auf هيت (hay-ta) folgende, mit der Präposition لـ /la- verbundene Personalpronomen لك /la-ka (wörtlich: dir) nicht als arabischer Dativ, sondern - wie im Syro-Aramäischen (und heutigen arabischen Dialekten) üblich - als rückbezüglicher Dativus ethicus zu verstehen.[9] Der koranische Ausdruck هيت لك (zu sprechen: hē! ta la-ka!) gibt somit getreu die syro-aramäische idiomatische Wendung Kl at Yh (hē! tā lāḵ!) wieder und heißt wörtlich: „He! komm' her!". Damit dürfte die Überzeugung widerlegt sein, wonach dieser Ausdruck genuin arabisch sei, wie dies A. Jeffery in seinem Standardwerk „The Foreign Vocabulary of the Qur'ān" unter Berufung auf andere Autoritäten, wie folgt (S. 33), zu Recht zu vertreten glaubte : „In xii,23, we read that Joseph's mistress says to him هيت لك. The word occurs only in this passage in the Qur'ān and is a rare expression even outside the Qur'ān, though, as has been pointed out by Barth,[10] there can be no question that it is genuine Arabic. It was so rare and unusual a word, however, that it was early taken by the exegetes as foreign[11] and explained as Coptic,[12] doubtless on the ground that the Egyptian lady would have spoken to her slave in the Egyptian tongue, and as the only Egyptian language known to the Muslim philologers was Coptic, this rare word was taken to be of Coptic origin." Hat nun diese ursprünglich interjektionelle aramäische Partikel הין /hayn > hēn > hē im eben besprochenen koranischen Ausdruck die Bedeutung eines Ausrufewortes, wie es im heutigen Umgangsarabischen (gleich dem deutschen he !) gang und gäbe ist, so hat die auf das bloße هـ /h tertiär reduzierte Form im vorzitierten Satz aus Sure 3:119 die gleiche konditionale Bedeutung wie die als arabisch geltende Konjunktion إن / ʾin (eigentlich ʾən - wenn). Denn auch dieses Wort ist das Ergebnis einer vierstufigen Lautverschiebung, die sich aus dem altaramäischen הין /hayn wie folgt vollzogen hat: 1. הין / hayn > 2. hēn > 3. syro-aramäisch öya / ʾēn > 4. (durch Vokalreduktion) neuostaramäisch = arabisch إن / ʾən (> klassisch-arabisch: ʾin). Um den besprochenen Satz aus Sure 3:119 syntaktisch nachvollziehen zu können, muss man die einzelnen Elemente syro-aramäisch so verstehen: 1. Das proklitische هـ /h in der koranischen Schreibung هانتم ist nicht als arabische Demonstrativpartikel hā (da), sondern als aramäische Bedingungspartikel hē (<hēn / wenn) zu lesen. 2. Das Demonstrativpronomen اولا ist nicht „klassisch-arabisch" ʾulāʾi, sondern aramäisch (wie in manchen arabischen Dialekten des Vorderen Orients) ʾōlē (< syro-aramäisch öylh /hālēn > westsyrisch hōlēn > syro-arabisch hōlē >ʾōlē) zu lesen. Dieses Demonstrativpronomen bezieht sich nicht auf das Subjekt انتم /antum (ihr), wie es die zitierten Übersetzer missverstanden haben, sondern auf das Objekt, das als Personalsuffix der 3. Person Plural an das Verbum تحبونهم /tu-ḥibbūna-hum tritt und rückbezüglich zu verstehen ist (wörtlich: „Wenn ihr diese (ihr) liebt sie" = „Wenn ihr diese (Leute) liebt"). 3. Wird durch die geklärte Bedeutung der Partikel هـ /hē klar, dass damit ein Bedingungssatz eingeleitet wird, dann wird ebenso klar, dass der Nachsatz - wie vielfach im Koran nachgewiesen - mit der Konjunktion و /wa (vor ولا/wa-lā) anzusetzen ist. 4. Die zweite Konjunktion و /wa, die den dritten Gliedsatz einleitet, hat in diesem Kontext eine adversative bzw. konzessive Bedeutung (während, dabei, wo doch, obwohl). Nach dieser philologischen Erörterung ist der Versabschnitt aus Sure 3:119 syro-aramäisch (und arabisch) so zu lesen und zu verstehen : هانتم اولا تحبونهم ولا يحبونكم وتومنون بالكتب كله [hē antum hōlē tu-ḥibbūna-hum, wa-lā yu-ḥibbūna-kum - wa-tūminūn(a) bi-l-kitāb(i) kullih(i) ] „Wenn ihr (nun) diese (Leute) liebt, so lieben sie euch nicht - wo ihr doch (= obwohl ihr) an die gesamte Schrift glaubt ! " Eine vergleichbare Satzstruktur kann man sich nur im Syro-Aramäischen (wie in den heutigen arabischen Dialekten des Vorderen Orients) vorstellen. Klassisch-arabisch aber ist eine solche syntaktische Konstruktion, wie es die oben zitierten Übersetzungen ausgewiesener Arabisten belegen, verwirrend. Die gleiche Satzkonstruktion begegnet an drei weiteren Koranstellen (Sure 3:66 ; 4:109 ; 47:38), die allesamt den so genannten medinischen Suren zugewiesen sind. Auch auf diese soll kurz eingegangen werden. Zum Verständnis von Sure 3:66 ist der vorhergehende und nachfolgende Vers (65 und 67) wie folgt zu berücksichtigen : ياهل الكتب لم تحاجون في ابرهيم وما انزلت التورية (= اليورية) والانجيل الا من بعده افلا تعقلون / هانتم هولا حججتم فيما لكم به علم فلم تحاجون فيما ليس لكم به علم واللـه يعلم وانتم لا تعلمون / ما كان ابرهيم يهوديا ولا نصرانيا ولكن كان حنيفا مسلما وما كان من المشركين Unsere Koranübersetzer geben diese drei Verse wie folgt wieder: Paret (49): 65 (58): „Ihr Leute der Schrift! Warum streitet ihr über Abraham, wo doch die Thora und das Evangelium erst nach ihm herabgesandt worden sind? Habt ihr denn keinen Verstand? 66 (59): Ihr habt da über etwas gestritten, worüber ihr (an sich) Wissen habt. Warum streitet ihr nun über etwas , worüber ihr kein Wissen habt? Gott weiß Bescheid, ihr aber nicht. 67 (60): Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein (Gott) ergebener Ḥanīf (ḥanifan musliman), und kein Heide [Anm. 60: W: und er war keiner von denen, die (den einen Gott andere Götter) beigesellen.]." Blachère (84) : 58/65 „O Détenteurs de l'Écriture !, pourquoi argumentez-vous au sujet d'Abraham, alors qu'on n'a fait descendre la Thora et l'Évangile qu'après lui ? Eh quoi ! ne raisonnerez-vous pas ? 59/66 Voici ce que vous êtes : vous argumentez sur ce dont vous avez connaissance. Pourquoi argumentez-vous [aussi] sur ce dont vous n'avez pas connaissance ? - Allah sait, alors que, vous, vous ne savez pas. 60/67 Abraham ne fut ni juif ni chrétien, mais fut ḥanîf et soumis (muslim) [à Allah] ; il ne fut point parmi les Associateurs." Bell (I, 51) : 58 „O People of the Book, why do ye dispute about Abraham, seeing that the Torah and the Evangel were not sent down till after his time? Have ye non sense? 59. There ye are ! Ye have disputed about a thing of which ye have (revealed) knowledge ; why then will ye dispute about things of which ye have no knowledge ? Allah knoweth, but ye do not know. 60. Abraham was not a Jew, nor was he a Christian, but he was a Ḥanīf, a Moslem, and he was not one of the Polytheists." Lexikalische und grammatische Erläuterung : Zu Vers 65 : 1. Zur Konjektur der traditionellen Lesung von تورية (durch falsch gesetzte Punkte: Tawrāt - zu lesen : يورية /Yōrayya /Yawrīya) siehe die Ausführungen in : Die syro-aramäische Lesart des Koran, 1. Aufl., 68 ff.; 2. Aufl., 99 ff.; 3. Aufl., 101 ff.; englische Ausgabe, 85 ff. 2. Die koranische Schreibung افلا setzt sich zusammen aus der syro-aramäischen Konjunktion Pa /ā (=āf ) (denn auch) und der arabisch gleich lautenden Verneinungspartikel لا /lā, so dass die Zusammenschreibung افلا /āf-lā - und nicht (arabisch) ʾa-fa-lā zu lesen ist. Zu Vers 66 : Dass mit هانتم هولا (zu lesen: hē antum hōlē) wieder ein Bedingungssatz eingeleitet wird, macht die Konjunktion fa (in فلم /fa-li-mā) deutlich, die hier den Nachsatz einleitet. Zu Vers 67 : 1. Zur Bedeutung von Ḥanīf siehe die Ausführungen in Die syro-aramäische Lesart des Koran, 1. Aufl., 39 f.; 2. Aufl., 65 f.; 3. Aufl., 65 ff.; englische Ausgabe, 55 f.; zum formalen Unterschied zwischen koranisch ḥanīf und syro-aramäisch ḥanpā siehe ebenda S. 102, Anm. 134; siehe ferner Zur Morphologie von syro-aramäisch (sāṭānā = Satan) und koranisch-arabisch شيطن (šayṭān) in: Christoph Burgmer (Hg.), Streit um den Koran, S. 77. 2. Zur Bedeutung des Adjektivs مسلم (bisherige Lesung: muslim) in Bezug auf Abraham, der von Haus aus zwar ein Heide und dennoch kein Götzendiener war, ist das bisherige Verständnis (Gott) „ergeben" oder gar ein „Muslim" zu revidieren. Denn wenn schon „ḥanīf " ein aramäisches Lehnwort ist, dann liegt es nahe, das attributive Adjektiv semantisch ebenso aramäisch zu verstehen. Morphologisch entspricht مسلم /mslm syro-aramäisch amlcm /mšlm = m-šalləmā. Die entsprechende arabische Femininform مسلمة /mu-sallama kommt in Sure 2:71 vor und bezieht sich auf die Kuh, die Moses von den Israeliten als Opfer verlangt. Auf die Frage, wie beschaffen diese Kuhe sein soll, antwortet Moses abschließend, sie soll مسلمة /mu-sallama = „unversehrt" لا شية = لا شبه فيها /lā šubha fīhā und „ohne jeglichen Tadel = makellos" sein (zu letzterer Konjektur siehe o.g. englische Ausgabe, S. 232 f.). Die Lesung mu-sallama ist dort korrekt gelesen und entspricht somit morphologisch und semantisch der syro-aramäischen Partizipialform amlcm /m-šalləmā (heil, unversehrt). Zwar ist die Kuh mit Abraham nicht zu vergleichen, doch das, was bei der Kuh sich auf die physische Unversehrtheit bezieht, bezieht sich bei Abraham auf die moralische Integrität. In gleicher Weise wie man bei der Kuh nicht muslima (Gott „ergeben" oder gar „Muslimin"), sondern richtig musallama (unversehrt) gelesen hat, so ist die entsprechende, auf Abraham bezogene maskuline Form „musallam" und nicht „muslim" zu lesen. Aus dieser Erörterung ergibt sich für Sure 3:65-67 folgendes, teilweise neues Verständnis : 65. Ihr Angehörige der Schrift : Warum disputiert ihr über Abraham, ist doch die Thora und das Evangelium erst nach ihm herabgesandt worden - überlegt ihr denn nicht ? 66. Wenn ihr (nun) mit diesen (Leuten) über etwas disputiert, worüber ihr Wissen habt, wie könnt ihr über etwas disputieren (wörtlich: wieso disputiert ihr über etwas), worüber ihr kein Wissen habt ? Denn Gott weiß, ihr aber nicht. 67. Abraham war weder Jude noch Christ. Er war vielmehr ein integrer (rechtschaffener, redlicher) Heide, der dennoch kein Götzendiener war (wörtlich: und er gehörte nicht = er gehörte aber, dennoch nicht zu den Götzendienern). Ein drittes Fallbeispiel für einen mit der aramäischen Konjunktion هـ /hē (wenn) eingeleiteten Bedingungssatz begegnet in Sure 4:109, wo zu lesen ist: هانتم هولا جدلتم عنهم في الحيوة الدنيا فمن يجدل اللـه عنهم يوم القيمة (hē antum hōlē ǧādaltum ʿanhum fī l-ḥaywa d-danyā, fa-man yu-ǧādil ʿanhum yawm al-qiyāma) Auch diesen Satz verstehen unsere Koranübersetzer syntaktisch wie folgt : Paret (78) : 109 : „Ihr habt da im diesseitigen Leben zu ihrer Verteidigung gestritten. Aber wer wird am Tag der Auferstehung mit Gott zu ihrer Verteidigung streiten...?" Blachère (122) : 109 „Voici ce que vous êtes : vous discutez en faveur de [ces traîtres] en la Vie immédiate. Qui donc discutera en leur faveur, au Jour de la Résurrection ?" Bell (I, 83) : 109. „There ye are ! ye have disputed in defence of them in this life, but who will dispute with Allah in their defence on the day of resurrection,...?" Philologische Bemerkungen : 1. هانتم هولا ist wieder hē antum hōlē zu lesen. Auch hier bezieht sich das Demonstrativpronomen هولا /hōlē (diese) nicht auf das Subjekt انتم /antum (ihr), sondern auf عنهم /ʿanhum, nämlich auf die, die ihr verteidigt. Ins klassische Arabisch übertragen, müsste es heißen: إن أنتم جادلتم عن هؤلاء /ʾin ʾantum ǧādaltum ʿan hāʾulāʾi statt هؤلاء جادلتم عنهم / hāʾulāʾi ǧādaltum ʿanhum. 2. Dass es sich auch bei diesem Satz um einen Bedingungssatz handelt, zeigt nicht nur das Verbum جدلتم /ǧādaltum, das nach den Regeln der arabischen Grammatik formal im Perfekt steht, sinngemäß aber präsentisch zu verstehen ist, sondern auch die Konjunktion fa (in فمن /fa-man), die nach den gleichen Regeln den Nachsatz eines solchen Bedingungssatzes einleitet. 3. Im medialen و /w der koranischen Orthographie von حيوة haben die arabischen Koranleser eine (wenn auch ungewöhnliche) Bezeichnung des langen ā gesehen, obwohl dafür sonst das arabische ا /Alif zur Verfügung steht. Es ist doch erstaunlich, dass die arabischen Leser in diesem Fall (wie auch bei صلوة /ṣalwa [Gebet], زكوة /zakwa [Almosen, Spende], منوة /Manwa [Göttin Manāt], ربوا < syro-aramäisch wbr /rebbō > rebbū [Wucherzins]) von der ihnen geläufigen Umgangssprache ausgegangen sind, nicht aber im Falle von هولا /hōlē, wofür sie sich eine vermeintlich klassische, im arabischen Sprachraum aber nirgends nachweisbare Aussprache hāʾulāʾi haben einfallen lassen. Im Syro-Aramäischen lautet indessen der Status absolutus (d.i. das, was man in der arabischen Grammatik Pausalform nennt) von atwyj /ḥayūṯā (Leben) wyj /ḥayū aus awyj /ḥaywā. Letztere Form entstammt der Pausalform im Reichsaramäischen, wie sie im Arabischen in Wörtern wie فتوى / fatwā (religiöses Gutachten), نجوى / naǧwā (Zwiesprache), بلوى / balwā (schwere Prüfung) etc. erhalten ist. Parallel dazu sind im Arabischen durch Vokalreduktion, insbesondere bei steigendem Diphthong (wa, ya), Sekundärformen wie فتى / fatā (junger Mann, Jüngling) und فتاة / fatāt (junge Frau), نجاة / naǧāt (Rettung), بلاء / balāʾ (gleiche Bedeutung wie بلوى/balwā mit erdachtem End-Hamza) etc. entstanden. So ist es zu erklären, dass man den vorgenannten koranisch-aramäischen Schreibungen die jeweils sekundäre vulgär-arabische Aussprache ḥayāt, ṣalāt, zakāt, Manāt, ribā übertragen hat. Das bei diesen Wörtern von den späteren arabischen Koranbearbeitern dem jeweiligen و /w aufgesetzte kurze ا /ā, das Generationen von namhaften Arabisten und Koranforschern in Ost und West irre geführt hat, ist daher sprachhistorisch falsch. Die These, wonach in anderen Schreibtraditionen, etwa der südarabischen, das w/u für langes ā gebraucht wurde, kann hier nicht geprüft werden. Mit der koranisch-aramäischen Schreibtradition hat diese These jedenfalls nichts zu tun. Vielmehr sind die besprochenen koranischen Schreibungen, von ihrer aramäischen Etymologie her, gesichert.[13] 4. Bei dem auf das Wort الحيوة /al-ḥaywa folgenden attributiven Adjektiv الدنيا (wörtlich: das nahe liegende = das diesseitige Leben) handelt es sich wiederum morphologisch (und etymologisch) um eine syro-aramäische Schreibung. Die traditionelle Lesung dunyā gibt mit dem sekundären mittleren Vokal u annähernd die verdunkelte dialektale Aussprache des ursprünglich aramäischen a (aus aynd /danyā) wieder, das dialektal als Murmelvokal ə (dənyā /dənyē) realisiert wird. In dieser Aussprache bedeutet dieses substantivierte Partizip im heutigen Arabisch die „Welt", das „Diesseits". Dass es sich bei dieser arabischen Form um ein syro-aramäisches Partizip Passiv handelt, zeigt ihre Ableitung vom entsprechenden syro-aramäischen Paradigma auf (maskulin) pʿel (< pəʿel), (feminin) paʿlā, dem syro-aramäisch aynd /danyā = koranisch-arabisch دنيا /danyā (nicht dunyā) entspricht (vgl. dazu arabisch دني /danīy, feminin دنية /danīya [nahe, niedrig]). Mit der Schreibung mit End-ا /ِAlif gibt der Koran die syro-aramäische Femininendung des prädikativen Partizips wieder, wie wir sie bei den Femininformen des arabischen Elativs auf فعلا /faʿlā (namentlich den Farbbezeichnungen wie صفرا /ṣafrā [gelb], حمرا /ḥamrā [rot] etc.) wieder finden. Dass der so genannte arabische Elativ in Wirklichkeit eine Sekundärbildung aus dem syro-aramäischen Status absolutus ist, zeigt nicht zuletzt diese Femininendung auf ا /ِAlif (neben der Variante auf ى/ā), der aber nach der Willkür der arabischen Grammatiker ein vermeintlich klassisches End-Hamza hinzugefügt wurde, um diese aramäisch nicht flektierbare Endung (wie arabisch دنيا /danyā /dunyā) doch noch - wenn auch diptotisch - flektieren zu können. Wie es aber zur Bildung der Maskulinform mit dem prosthetischen Alif auf أفعل /afʿal gekommen ist, ergibt sich aus dem Abfall des Vokals des ersten Radikals der Maskulinform des syro-aramäischen Partizips *paʿal lauthistorisch wie folgt: *paʿal < pəʿal < pʿal < (zur Auflösung der so entstandenen anlautenden Doppelkonsonanz Anfügung des arabo-aramäischen Alif prostheticum) = arabisch أفعل /afʿal. Den Schlüssel zur Erschließung des klassisch-arabischen Elativs liefert uns somit gerade die aus dem Syro-Aramäischen im Arabischen getreu erhaltene prädikative Femininform auf فعلا /faʿlā (< *paʿalā /faʿalā), die wegen der Erhaltung des ersten Vokals und des Fehlens einer Doppelkonsonanz keines Alif prostheticums bedarf. Weitere Ausführungen dazu folgen in einer nächsten Studie. Nach diesem philologischen Exkurs ist der aus Sure 4:109 besprochene und bisher nicht erkannte Bedingungssatz so zu verstehen : „Wenn ihr (nun) um diese (Leute) im diesseitigen Leben disputiert, wer wird denn am Tage der Auferstehung mit Gott um sie disputieren ? " Eine ähnliche Satzstruktur findet sich schließlich in Sure 47:38, wo es heißt: هانتم هولا تدعون لتنفقوا في سبيل اللـه فمنكم من يبخل ومن يبخل فانما يبخل عن نفسه واللـه الغني وانتم الفقرا Unsere Referenzübersetzer geben diesen Satz syntaktisch wie folgt wieder: Paret (426) : 38 (40) : „Ihr werdet da aufgerufen, um Gottes willen [Anm. 27: W: auf dem Weg Gottes] Spenden zu geben. Nun gibt es unter euch welche, die geizig sind. Wer aber geizig ist, ist es zu seinem eigenen Nachteil. Gott ist derjenige, der reich [Anm. 28: Oder: auf niemand angewiesen (ġanī)] ist. Ihr aber seid die Armen." Blachère (541) : 40/38 „Voici ce que vous êtes. Vous êtes appelés à faire dépense dans le chemin d'Allah, [mais] parmi vous, il en est qui se montrent avares. Or celui qui se montre avare ne se montre avare qu'à ses dépens, [car] Allah est le Suffisant à Soi-même alors que vous, vous êtes les Besogneux." Bell (II, 518) : 40 „There ye are ! ye are called to contribute freely in the cause of Allah, and some of you are niggardly ; but any who are niggardly, are only niggardly to themselves ; Allah is the Rich, and ye are the poor ;" Grammatische und lexikalische Bemerkungen : Vom Inhalt her ist dieser Satz relativ einfach zu verstehen. Lexikalisch gibt der im Koran häufig vorkommende Ausdruck في سبيل اللـه /fī sabīl Allāh (wörtlich: auf dem Wege Gottes) die syro-aramäische idiomatische Wendung wieder : ahlad ajrwab /b-urḥā d-Allāhā (auf dem Wege Gottes), die der Thesaurus syriacus (I, 375) unter 3) [consuetudo, agendi ratio, institutum] so erklärt: „in via Dei, h.e. in eo agendi modo qui Deo placet (in einer Gott wohl gefälligen Art und Weise handeln)." Syntaktisch konnten die vorzitierten Übersetzer, vom arabischen Verständnis her, keinen Bedingungssatz erkennen, dessen Vordersatz, wie in den drei vorhergehenden Fallbeispielen, mit der aramäischen Konjunktion هـ /hē und dessen Nachsatz mit der arabischen Konjunktion fa (vor فمنكم /fa-minkum) eingeleitet wird. Das auf هانتم /hē antum (Wenn ihr) folgende arabo-aramäische Demonstrativpronomen هولا /hōlē (diese) hat in diesem Kontext, im Unterschied zu den drei vorausgegangenen Parallelstellen, eine korrelative Funktion in der Bedeutung „diejenigen, welche" und bezieht sich insoweit auf das Subjekt انتم /antum (ihr). Dies ist aber nur denkbar, wenn man sich den entsprechenden syro-aramäischen Gebrauch dieses Determinativpronomens vorstellt, wie ihn Theodor Nöldeke in seiner bereits zitierten syrischen Grammatik unter der Überschrift „Das Relativpronomen" (S. 175), § 236, wie folgt erklärt : „A. Sehr gerne steht aber, wo kein Substantiv vorhergeht, ein Correlativ. So mit Demonstrativen (u.a.) d öylh"/hālēn d- (westsyrisch hōlēn < hōlē /diese = diejenigen). Danach sind die einleitenden koranischen Worte هانتم هولا (hē antum hōlē), ins Arabische übertragen, so zu verstehen : إن أنتم الذين (ʾin antum al-laḏīna) = إن أنتم هم الذين (ʾin antum hum al-laḏīna) (wenn ihr diejenigen seid). Daraus ergibt sich für den vorzitierten Satz aus Sure 47:38 folgendes Verständnis : „Wenn ihr (nun) diejenigen (seid, die) aufgefordert werdet, zu einem Gott wohlgefälligen Zweck zu spenden, so gibt es unter euch welche, die geizen ; wer aber geizt, der geizt gegen sich selbst ; denn Gott ist (an sich) reich, ihr aber seid (letztlich) die Armen."
5. Zur traditionellen Lesung ببـدر /bi-badr (Sure 3: 123) Aus den oben aufgeführten Passagen ist zwar von Differenzen mit Angehörigen der Schrift wie von Animositäten mit nicht näher definierten Heuchlern und Missgönnern die Rede, etwaige Auseinandersetzungen oder gar Feindseligkeiten mit den gottlosen oder heidnischen Mekkanern, auf die sich die folgenden Verse nach der Prophetenbiographie und den Korankommentatoren beziehen sollen, sind daraus jedoch nicht zu ersehen. Die philologische Analyse der nun folgenden Sequenz von Sure 3, Vers 121 bis 126 will versuchen, deren Zusammenhang kontextuell zu klären. Zum Vergleich mit dem bisherigen Verständnis soll nach dem jeweiligen Koranvers zunächst die Übersetzung von R. Paret angeführt werden. Darauf folgt gegebenenfalls die philologische Erörterung der unterstrichenen Passagen und der neue Übersetzungsvorschlag. Sure 3: 121-126 : واذ عدوت من اهلك تبوي المومنين مقعد للقتال واللـه سميع عليم Paret (55) : 3, 121: „Und (damals) als du in der Frühe von deiner Familie weggingst, um die Gläubigen in die Stellungen zum Kampf (gegen die ungläubigen Mekkaner) einzuweisen! Gott hört und weiß (alles)." Lexikalische Bemerkungen: 1. Der koranische Schriftzug عدوت hatte ursprünglich keinen Punkt über dem عـ /ʿayn und war daher ʿadawta (zu Fuß laufen, eilen) (und nicht ġadawta) (am Morgen sein) zu lesen. Der Lisān (XV, 32a) legt diese Lesung nahe, wenn er zu العديّ /al-ʿadī erklärt: جماعة القوم يعدون لقتال ونحوه (eine zum Kampf oder Ähnliches eilende Truppe); وقيل: أوّل من يحمل من الرّجّالة ، وذلك لأنهم يسرعون العدو (es heißt ferner: die ersten Stürmer einer Infanterie, weil sie dabei schnell laufen). Dass der Prophet zu Fuß ausgezogen sei, bestätigt auch Ṭabarī (IV, 69). Die Kommentatoren sind sich allerdings nicht einig über den Kampf, von dem in diesem Vers die Rede ist. Ṭabarī spricht sich abschließend für die Mehrheit derer aus, die meinen, es habe sich dabei eher um Uḥud als um al-Aḥzāb gehandelt. 2. Ṭabarī (IV, 71) erklärt التبوئة /at-tabwiʾa als اتخاذ الموضع (Stellung beziehen). Alternativ wird für تبوي /tubawwiʾ die Lesung تثوي /taṯwī aus syro-aramäisch awt /twā, nach Mannā (830b) (3): حث ّ. رغّب (anspornen) vorgeschlagen. Diese Lesung hätte ihre Parallele in Sure 8:65, wo es heißt: يايها النبي حرض المومنين على القتال (O Prophet, sporne die Gläubigen zum Kampf an ! ) 3. Ein Synonym zu صبرون /ṣābirūn (standhaft), wie die Gläubigen im selben Vers sein sollen, hätten wir im als Infinitiv zu lesenden Schriftzug مقعد /maqʿad die Bedeutung des lexikalisch entsprechenden syro-aramäischen Infinitivs Btm/meṯaḇ, wofür Mannā (319a) unter (4) arabisch ثبت . استقرّ (fest, beharrlich sein) angibt, womit die Gläubigen zur Beharrlichkeit angemahnt würden. Für diesen Vers wird daher folgende Übersetzung vorgeschlagen :
3,121: Da du nun von deinen Angehörigen auszogst, um die Gläubigen zur Standhaftigkeitt im Kampf anzuspornen - wobei Gott (die Bitten) erhört und (um alles) weiß, اذ همت طايفتان منكم ان تفشلا واللـه وليهما وعلى اللـه فليتوكل المومنون Paret 122 : „Und (damals) als zwei Gruppen von euch am liebsten (mutlos jeden Widerstand und weiteren Kampf) aufgegeben hätten [Anm. 109a: W: als zwei Gruppen von euch im Sinn hatten ... aufzugeben], wo doch Gott ihr Freund war [Anm. 110: Oder: ist]. Auf Gott sollen die Gläubigen (immer) vertrauen." Lexikalische Bemerkungen: 1. Für das Verbum هم /hamma passt eigentlich hier die im heutigen Arabisch noch gängige und bei H. Wehr u.a. mit „bekümmert, in Sorge sein" angegebene Bededeutung . 2. Zwar wird ولي /walī im Koran auch im Sinne von „Freund" gebraucht, doch die Bedeutung „Helfer" geht nicht nur aus diesem Kontext hervor, sie wird von weiteren Koranstellen bestätigt, wo ولي /walī und نصير /naṣīr (Helfer) als Synonyme neben einander gebraucht werden. Insoweit ist ولي /walī in Anlehnung an syro-aramäisch alya /ʾīyālā entstanden, wofür Mannā (16b) arabisch معين /muʿīn, مساعد /musāʿid, نصير /naṣīr (Helfer) angibt. Daraus ergibt sich für Vers 122 folgendes Verständnis: „während zwei Gruppen von euch in Sorge waren, zu versagen, wo doch Gott ihnen (als Helfer) zur Seite stand - auf Gott sollen sich nämlich die Gläubigen verlassen -," ولقد نصركم اللـه ببـدر (= بـدـدر) وانتم اذلـه فاتقوا اللـه لعلكم تشكرون Paret 123 : „Gott hat euch doch (seinerzeit) in Badr zum Sieg verholfen, während ihr (eurerseits) ein bescheidener, unscheinbarer Haufe waret. Darum fürchtet Gott ! Vielleicht werdet ihr dankbar sein." Philologische Analyse : 1. In diesem Kontext heißt arabisch نصر /naṣara nicht „zum Sieg verhelfen" (da von einer „Schlacht von Badr" hier keine Rede sein kann), sondern „helfen, beistehen". 2 . Beim Schriftzug ببـدر ist der zweite Unterpunkt von rechts, der zur Fehllesung Badr geführt hat, falsch gesetzt worden. Der ursprüngliche Schriftzug in der folgenden Abbildung aus dem Faksimile des ḥiǧāzī-Korankodex BNF 328a, Folio 5b, Zeile 16, 2. Wort von rechts, sieht so aus :
Der Schriftzug zeigt deutlich, dass beide Zacken ungleich sind. Während nämlich der erste Zacken senkrecht ist, ist der Strich des zweiten nach links geneigt. Damit erweist sich dieses Schriftzeichen, wie bei dem oben abgebildeten Wort دوا [اقـ = (arabisch) اقعـدوا /iqʿadū (werft euch nieder) aus dem kūfī-Korankodex von Samarqand, als syrisches [ /ʿayn. Da beide Unterpunkte des Schriftzuges offensichtlich spätere Einfügungen sind, brauchen wir uns den zweiten Unterpunkt nur weg zu denken, und es ergibt sich die Lesung : (syrisch) [ = (arabisch) بعذر /bi-ʿiḏr. 3. Zur Bedeutung des syro-aramäischen Wortes ard[ /ʿeḏrā. Für dieses Wort gibt der Thesaurus syriacus (II, 2814) folgende Definition an: „auxilium, adjumentum" (Hilfe, Beistand, Unterstützung ; Hilfstruppe, Streitkraft); Ap. lexx. (bei den ostsyrischen Lexikographen, Bar Ali, arabisch): معونة /maʿūna, عون /ʿawn, نصرة /naṣra. Dass es sich beim vermeintlichen „Badr" in Wirklichkeit um eine (himmlische) „Hilfstruppe" handelt, bestehend aus „drei tausend Engeln", wird der nächste Vers zeigen. Es ist auch kein Zufall, wenn Ṭabarī (IV, 74 f.) die widersprüchlichen Meinungen der Korankommentatoren zur eigentlichen Herkunft des Namens „Badr" bringt. Hierzu zählt er drei Meinungen auf: a) Badr sei der Name eines Mannes gewesen, nach dem die betreffende „Wasserstelle" benannt wurde; b) dem widersprechen andere, die meinen, es sei vielmehr der Name der ganzen Region, so wie auch sonstige Länder nach ihrem jeweiligen Namen benannt wurden; c) Badr sei schließlich eine Wasserstelle rechts vom Weg zwischen Mekka und Medina. 4. Das Adjektiv اذلـه /aḏilla (Plural von ذليل /ḏalīl < syro-aramäisch alyld /dlīlā) versteht Ṭabarī (IV, 75) schließlich korrekt als „wenige, gering an Zahl". Aus dieser philologischen Erörterung und der Konjektur der kanonischen Fehllesung ببـدر /bi-badr > بعـذر /biʿiḏr ergibt sich folgendes neues Verständnis von Sure 3:123 : (123) „da hat euch Gott mit einer (himmlischen) Hilfe (=Hilfstruppe) unterstützt - so fürchtet Gott, auf dass ihr (ihm) dankbar sein möget ! - اذ تقول للمومنين الن يكفيكم ان يمددكم ربكم بثلثة الف من المليكه منزلين Paret 124 : „(Damals) als du zu den Gläubigen sagtest: ‚Wird es euch (denn) nicht genügen, daß euer Herr euch mit dreitausend Engeln unterstützt, (die dazu vom Himmel) herabgesandt (werden)?" Philologische und syntaktische Bemerkung : 1. Die Kairiner Koranausgabe liest die die direkte Rede einleitende Partikel als negative Fragepartikel /ʾa-lan (< aramäische Fragepartikel hā > ʾa + Negation lā > proklitisch la- + Deutepartikel hayn > hān > ān > enklitisch an = ʾa-l-an /ʾalan), die sich auf das Futur bezieht. Die gleiche Defektivschreibung, al-ʾān gesprochen (bestehend aus zwei aramäischen Demonstrativpartikeln: hal > ʾal + hayn > hān > ʾān = al-ʾān), bedeutet „jetzt" und kommt im Koran 7x vor (1x pleneالان ). In diesem Kontext ist aber die Defektivschreibung الن = al-ʾān (jetzt) zu lesen (das futurische الن /ʾa-lan kommt sonst 2x im Koran vor). 2. Dass es sich beim verlesenen „badr" tatsächlich um eine aus drei tausend Engeln bestehende himmlische Streitmacht handelt, macht das letzte Satzglied deutlich. Dieser Vers ist daher so zu verstehen : (124) „als du zu den Gläubigen sagtest:' jetzt genügt es euch, dass euer Herr euch mit drei tausend herabgesandten Engeln unterstützt'." بلى ان تصبروا وتتقوا وياتوكم من فورهم هذا يمددكم ربكم بخمسة الف من المليكه مسومين Paret 125 : „Ja! Wenn ihr geduldig und gottesfürchtig seid, und (wenn) sie [Anm. 112: D.h. die Feinde] jetzt sofort(?) [Anm. 113: Oder: in geschlossenem Angriff(?)] gegen [Anm. 114: W: zu] euch (daher)kommen, unterstützt euch euer Herr (sogar) mit fünf tausend Engeln, die (im Sturm gegen den Feind) vorpreschen(?) [Anm. 115: W: die (ihre Pferde gegen den Feind) vorpreschen lassen(?), oder: die mit Kennzeichen versehen sind (? musauwimīna). Die Deutung des Ausdrucks ist unsicher.]" Philologische Bemerkungen : 1. Die aus der Verbindung der aramäischen Partikeln bal + hayn reduziert zusammengesetzte koranische Partikel بلى /balā /balē hat, wie die syro-aramäische Partikel öya /ʾēn, zweierlei Funktionen: a) als bejahende Partikel „ja, doch", b) als adversative Konjunktion „doch = jedoch, aber"; letztere Funktion scheint man in der bisherigen Arabistik und Koranforschung übersehen zu haben. 2. Ungeklärt ist bis heute der Ausdruck من فورهم /min fawrihim. Dabei ist die dem Arabischen und Syro-Aramäischen gemeinsame Verbalwurzel fwr / fār nicht nur in ihrer Grundbedeutung (überkochen, hervorsprudeln), sondern auch in der übertragenen Bedeutung (aus sich herausfahren, zürnen) ziemlich bekannt. So erklärt Mannā (580b) syro-aramäisch rp /pār arabisch (2) mit غضب . إغتاظ (zürnen). Spricht nun der Koran in Sure 3:118-119 von der „Wut" der Gegner auf die Gläubigen, so ist der Bezug klar. Gemeint ist also: Wenn diese Gegner من فورهم /min fawrihim „von ihrer Wut heraus = von ihrer Wut angetrieben = wutentbrannt" sich gegen die Gläubigen wenden sollten, dann... 3. Noch rätselhafter schien das auf من فورهم /min fawrihim folgende هذا /hāḏā, das man für ein arabisches Demonstrativpronomen hielt, das naturgemäß auf eine ganz bestimmte Wut hinweisen musste. Doch abgesehen davon, dass auch هذا /hāḏā eine sekundäre Entlehnung aus dem Aramäischen ist, ist es an dieser Stelle dennoch kein Demonstrativum, sondern ein (wenn auch ungewöhnliches) Adverb, dessen Reduktion parallel zum syro-aramäischen öydyhA /hāy-dēn (aus *hayn-də-hayn) wie folgt vollzogen hat: altaramäisch *hayn-də-hayn > hāy-də-hān >hā-də-hā > hā-ḏā = هذا /hāḏā, das in diesem Kontext die Bedeutung von koranisch-arabisch حينئذ /ḥīnaʾiḏen (alsdann) hat. 4. Weniger problematisch ist schließlich die Klärung des ebenso rätselhaften, auf die fünf tausend Engel bezogenen Partizips مسومين /musawwimīn, das den Koranübersetzern unnötiges Kopfzerbrechen bereitet. Denn wir brauchen nur bei Mannā (775b f.) unter der syro-aramäischen Verbalwurzel Mc /šām nachzuschlagen, um die entsprechende Partizipialform anmycm /m-šīmānā zu finden, die uns die arabische Bedeutung des koranischen Ausdrucks wie folgt angibt: شائم . متعس . مؤذ . مؤلم الخ . (unheilvoll, Schmerz, Schaden bringend etc.). Nach dieser philologischen Erörterung ergibt sich für Sure 3:125 folgendes Verständnis : (125) „Doch wenn ihr standhaft und gottesfürchtig seid und sie (die Ungläubigen) euch wutentbrannt (wörtlich von ihrer Wut heraus) behelligen sollten, dann wird euch euer Herr mit fünf tausend schlagkräftigen (wörtlich: peinigenden) Engeln unterstützen." Vers 126 fasst schließlich zusammen und bestätigt wiederholt, dass jeglicher Beistand von Gott kommt : وما جعله اللـه الا بشرى لكم ولتطمين قلوبكم به وما النصر الا من عند اللـه العزيز الحكيم Paret 126 : „Gott machte es [Anm. 116: D.h. die Ankündigung, euch auf diese Weise zu unterstützen] nur zu dem Zweck, euch eine frohe Botschaft zukommen zu lassen, und dass ihr euch ganz sicher fühlen solltet [Anm. 117: W: damit euer Herz sich dadurch beruhige]. Der Sieg kommt von Gott allein, dem Mächtigen und Weisen." Bis auf das Wort Sieg, das im Arabischen auch „Beistand, Unterstützung" bedeutet, bietet Vers 126 keine besondere Schwierigkeit. Damit schließt die Sequenz um „Badr" : „Gott hat es euch nur als frohe Botschaft zugedacht, um eure Herzen damit zu beruhigen, denn der Beistand (kommt) allein von Gott, dem Mächtigen, dem Weisen."
6. Bemerkungen zu einzelnen Schriftzeichen des ḥiǧāzī- und kūfī-Duktus Das im Korankodex von Samarqand nachgewiesene syrische [. /ʿayn findet seine Nachbildung im kūfī- und ḥiǧāzī-Duktus insoweit, als der entsprechende Buchstabe aus einem zusätzlichen, nach rechts geneigten Gegenstrich besteht, was diesem Schriftzeichen annähernd das Aussehen eines (gespreizten) lateinischen «v» verleiht. Siehe dazu in der vorgenannten Abbildung, Zeile 4, das 3. Schriftzeichen (von rechts nach links) im Schriftzug منعك / (mā) manaʿaka (was hat dich gehindert). Später hat man in der Kursivschrift die beiden Spitzen zu einem Dreieck mit einander verbunden, weil dadurch die Schreibung mit einem Zug ermöglicht wurde. So entstand die heute gängige, aber stark reduzierte Form des medialen arabischen ـعـ /ʿayn, an dem die ursprüngliche Form kaum mehr zu erkennen ist. Das gleichförmige finale ع /ʿayn schließt ab mit einer bogenförmigen, nach unten gezogenen Verlängerungslinie, die in der heutigen arabischen Schrift beibehalten wurde. Beim initialen عـ /ʿayn zeigen die ḥiǧāzī- und kūfī-Schreibungen ihre Anlehnung an das syrische [. /ʿayn dadurch, dass im Ansatz die Spitze des [. etwa zu einem Viertel Kreisel nach rechts abgerundet wurde, um eine Verwechslung mit dem gleich aussehenden initialen حـ (ǧ /ḥ /ḫ) zu vermeiden. Siehe dazu Abbildung 0342 der Samarqander Handschrift, Zeile 7 und 8, die Schreibung des initialen عـ /ʿayn bei der Präpositionعن /ʿan (von, aus, ab, etc.). Später wurde der abgerundete Ansatz weiter betont und etwa zu einem halben, nach rechts geöffneten Kreisel (عـ /ʿayn ) gezogen, wie im heutigen Arabisch üblich. Der gleiche Schriftzug zeigt ein unter die Zeile gezogenes End-nūn, das offensichtlich eine Übernahme des aramäischen נ /n ist, das aber in der modernen arabischen Schrift zu einem Halbkreis ن /n ausgebildet wurde. Bemerkenswert bei diesem End-nūn ist aber die Feststellung, dass sowohl der ḥiǧāzī- als auch der kūfī-Duktus gelegentlich auch das syrische End-ö / öngebraucht, was zu einer Verwechslung mit dem arabischen retroflexen (rückläufigen) End-yā führt, wie bereits im Beitrag „Relikte syro-aramäischer Buchstaben in frühen Korankodizes"[14] gezeigt wurde. Ein weiteres Beispiel eines solchen, bis jetzt nicht erkannten syrischen End-nūn finden wir in Sure 40:81, wo es nach der Kairiner Ausgabe heißt : ويريكم ايته فاي ايت اللـه تنكرون Vordergründig kann ein Arabist diesen Vers nicht anders verstehen, als ihn Paret übersetzt (395): „Und Gott [Anm. 56: W: er] läßt euch seine Zeichen sehen. Welches von den Zeichen Gottes wollt ihr nun ablehnen ?" Das Problem liegt hier beim unterstrichenen Interrogativpronomen اي /ayya (welcher, welche), das zwar als Sekundärbildung dem Syro-Aramäischen entlehnt ist,[15] an dessen arabischem Gebrauch jedoch nicht zu zweifeln ist. Dem Samarqander Koran ist es jedoch zu verdanken, dass er uns im Schriftzug öا die unverfälschte Schreibung des syrischen End-nūn (ö ) bewahrt hat, dessen Spur in der kanonischen Koranausgabe, fälschlich als arabisches End-yā transkribiert, seit Jahrhunderten verwischt und falsch gelesen wurde. Dieser Schriftzug entspricht nämlich der syro-aramäischen Defektivschreibung von öa /ēn (ursprünglich öya /ayn > öa /ēn ). Beide Schreibungen kommen im Koran vor. Dabei handelt es sich ursprünglich um eine interjektionelle Partikel, die je nach Situation verschiedene semantische Variationen annehmen konnte, auf die in einer kommenden Studie im Einzelnen eingegangen wird.[16] Wir beschränken uns vorerst auf diese Koranstelle, wo der Schriftzug öا nicht arabisch „ayya", sondern syro-aramäisch „ēn" zu lesen ist. Im Kontext des zitierten koranischen Verses hat „ēn" die Bedeutung einer Fragepartikel und entspricht als solche arabisch هل / hal , das seinerseits eine Defektivschreibung ist, bestehend aus zwei syro-aramäischen Partikeln: der Interjektion ah / hā und der Verneinungspartikel al/ lā = hā-lā („hā" nicht ? = etwa nicht)? oder umgekehrt: ah+al[17] / lā+hā (nicht etwa)?
ويريكم اثته فان (= فهل) اثت اللـه تنكرون (wa-yurīkum āṯātahu[19] fa-ʾēn (= fa-hal )āṯāt(a)13 Allāh(i) tu-nkirūn ?) „und er (Gott) zeigt euch seine Wunderzeichen - wollt ihr denn die Wunderzeichen Gottes leugnen ?" Der Koran belegt ferner die Defektiv- wie die Pleneschreibung der syro-aramäischen Fragepartikel öa / öya = ان /اين (ēn) in folgenden nahezu gleich lautenden Versen aus Sure 7:113 und Sure 26:41 : وجا السحره فرعون قالوا ان لنا لاجرا ان كنا نحن الغلبين فلما جا السحره قالوا لفرعون اين (أئنّ!) لنا لاجرا ان كنا نحن الغلبين Obwohl aus dem Zusammenhang die Frage klar hervorgeht, sieht Paret in beiden syro-aramäischen Fragepartikeln die arabische verstärkende Partikel إنّ / inna und sogar أئنّ /a-inna (sic!) (beide „ēn zu sprechen) und übersetzt : (132) „Und die Zauberer kamen zu Pharao. Sie sagten[20]: ‚Wir bekommen (doch sicher) Lohn, wenn wir Sieger sind?' " (302) „Als nun die Zauberer gekommen waren, sagten sie zu Pharao: ‚Wir bekommen (doch sicher) Lohn, wenn wir Sieger sind?' Dabei ist Sure 7:113 so zu verstehen: „Nun kamen die Zauberer zu Pharao (und) sagten (= fragten): ‚Steht uns (auch) ein Lohn[21] zu, wenn wir Sieger sind ?' " Syntaktische Bemerkungen: 1. Zur Verbindung zweier auf einander folgender Verben ohne Konjunktion, weil sie im Wesentlichen auf eine Haupthandlung hinauslaufen, siehe siehe Theodor Nöldeke, Kurzgefasste syrische Grammatik, [22] § 337. A. 2. Das End- ا /ā bei اجرا /aǧrā bezeichnet hier nicht den arabischen Akkusativ, da die von den arabischen Grammatikern (willkürlich) festgelegte Regel, wonach das auf das einleitende إنّ /inna folgende Subjekt im Akkusativ (auf a /ā ), das Prädikat aber im Nominativ (auf u) stehen muss, hier nicht durchgreift, da ان /ēn in diesem Satz Fragepartikel ist, die bekanntlich flektionsneutral ist. Mit der Schreibung اجرا / aǧrā gibt der Koran daher das syro-aramäische Wort arga /agrā im Status emphaticus getreu wieder. Die arabischen Grammatiker haben später in dieser syro-aramäischen Schreibung die Bezeichnung des arabischen Akkusativs unter seinen verschiedenen Aspekten gesehen. Dieses Phänomen begegnet im Koran ziemlich häufig. 3. Das dem Wort لاجرا / la-aǧrā präfigierte لـ / la- hat hier keine verstärkende Bedeutung, wie sie in Verbindung mit dem verstärkenden إنّ / inna (< syro-aramäisch öya / ēn = „ja!" ) oder vor einem Schwur häufig im Koran auftritt, sondern - entsprechend der der Fragepartikel ان < öya / ēn zugrunde liegenden Ungewissheit - naturgemäß eine leicht dubitative Bedeutung. Weitere Beispiele eines solchen semantischen Gebrauchs von ان < ēn(verbunden mit einem Personalpronomen) und لـ /la- liefert uns der Koran in Sure 12:90. Als Joseph sich seinen ahnungslosen Brüdern gegenüber indirekt zu erkennen gibt, fragen ihn diese : انك لانت يوسف Die Kairiner Ausgabe, die aus dem Zusammenhang eine Frage sieht, in der Schreibung انك /ēn-ka aber keine Fragepartikel zu erkennen vermag, fügt nach dem Alif ein (von den arabischen Grammatikern erfundenes) Hamza ein, wodurch das Alif zur (arabischen) Fragepartikel wird und das folgende ʾinna zur (arabischen) Verstärkungspartikel, zumal diese durch das darauf folgende präfigierte لـ /la- diese Funktion zu bestätigen scheint, und liest: أءنّك لانت يوسف ؟ /a-ʾinna-ka la-anta Yūsuf ? Paret (198) übersetzt dementsprechend korrekt: „Bis du denn Joseph?" Durch die Wiedergabe des präfigierten لـ /la- mit „denn" mag Paret darin eine verstärkende Nuance der Frage empfunden haben. Dieses لـ /la- will aber hier gerade den dubitativen Charakter der Frage betonen, weshalb dieser Fragesatz am ehesten so wiederzugeben ist: „Bist du etwa Joseph?" Ein weiteres Musterbeispiel finden wir in Sure 79:10-11, wo es heißt : يقولون انا لمردودون في الحافرة / اذا كنا عظما نخره Auch hier vermisst die Kairiner Ausgabe die Fragepartikel bei انا (arabisch: ʾinnā) und fügt erneut nach dem Alif ein Hamza ein und liest: اءنا /a-ʾinnā. Dies ist aber überflüssig, da hier nicht die einen Aussagesatz einleitende arabische Deutepartikel إنّ /inna , sondern die syro-aramäische Fragepartikel „ēn" zugrunde liegt und mit dem Suffix der ersten Person Plural نا /-nā verbunden ist, woraus die Verdoppelung des mittleren nūn resultiert. Der ursprüngliche koranische Schriftzug ist daher انا =ēn-nā (und nicht: a-ʾinnā) zu lesen. Auf diese Fragepartikel folgt, wie oben, das präfigierte dubitative لـ /la-(mardūdūn). Im folgenden Vers ist das bei der Konjunktion اذا /iḏā (wenn) eingefügte Hamza nicht nur überflüssig, sondern auch falsch, weil bei diesem Temporalsatz keine Wiederholung der Fragepartikel zu unterstellen ist. Von der Kairiner Lesung irritiert, übersetzt Paret (498) die beiden zusammenhängenden Verse wie folgt : 10. „Sie sagen: ‚Sollen wir etwa auf der Stelle (?) (wieder ins Leben) zurückgebracht werden? [Anm. 3: Oder: Sollen wir etwa in den früheren Zustand(?) zurückgebracht werden? Oder: Sollen wir (die wir) in der Erde Schoß (liegen)(?) (wieder ins Leben) zurückgebracht werden? Die Deutung des Ausdrucks fī l-ḥāfirati ist ganz unsicher.] 11. (Soll das etwa geschehen) nachdem [Anm. 4: W: wenn] wir (zu) morsche(n) Knochen (geworden) sind?" Auch Blachère (635) kommt mit dem Doppelvers nicht ganz zurecht und übersetzt : 10 „[Les infidèles] demandent : « En vérité, serons-nous certes renvoyés sur la terre 11 quand nous serons ossements décharnés ? [Anm. 11: Au lieu de la var. reçue ici, la Vulg. porte : ʾaʾiḏâ « est-ce que lorsque », mais cette leçon contraint à supposer une phrase en suspens.]» Bell (II, 633) sieht in diesem Doppelsatz keine besondere Schwierigkeit, bis auf die eigentliche Bedeutung von انا =ēn-nā mit folgendem لـ /la-, die er mit «verily » wiedergibt : 10. „Saying : "Are we verily bought back as we were before ? [Anm. 4: The meaning is uncertain; but the word is usually said to mean "original state."] 11. When we are bones decayed ?" Nach der folgenden philologischen Analyse wird aber dieser Vers so zu verstehen sein: „Sie sagen (= sie fragen): ‚Werden wir etwa im Grab (d.h. während wir im Grab liegen) (zu neuem Leben) zurück gebracht, da[23] wir morsche[24] Knochen sind? " Im Gegensatz zu Paret und Blachère gibt Bell diesen zweigliedrigen Satz semantisch und syntaktisch nahezu adäquat wieder. Er geht allerdings nicht auf das Wort حافرة /ḥāfira ein, das Paret hinterfragt. Ṭabarī (XXX, 33 f.) bringt dafür drei Erklärungen: 1. Rückkehr zur Erde bzw. zum Leben, 2. Grab, Grube, 3. das (Höllen)feuer. Davon trifft die 2. Deutung zu. Auch morphologisch wird الحافرة /al-ḥāfira zutreffend mit الأرض المحفورة التي حفرت فيها قبورهم (die zu Gräbern ausgegrabene Erde) erklärt und als Partizip Passiv wie arabisch محفورة /ma-ḥfūra (gegraben, ausgegraben) verstanden. Dem entspricht das syro-aramäische Partizip Passiv auf paʿlā, wie wir es in der Form af[s /saʿṭā (verworfen), anf[s /saʿṭānā (verwerflich) > anfs /sāṭānā (Verwerflicher, Abscheulicher, Verabscheuungswürdiger) = „Satan"[25] finden. Danach steht das mediale Alif in حافرة als mater lectionis nicht für langes, sondern für kurzes a (ḥafra > dialektal ḥəfra = Grube, Aushöhlung). Geht nun eine solche syro-aramäische Form ins Arabische über, fällt in der Regel die emphatische Endung ā ab. Durch die dadurch bedingte Vokalverschiebung entstehen dann aus syro-aramäisch paʿlā im Arabischen Formen auf faʿl, faʿal und faʿil, die die arabischen Philologen (wie im Lisān häufig bezeugt) meist für Nominalformen mit adjektivischer Bedeutung halten. Dazu gehört (unter vielen anderen Beispielen) das koranische Wort صمد /ṣamad (Sure 112:2), das in der islamischen Exegese ein Rätsel bleibt. Näheres zu diesem theologischen Terminus siehe den vorzitierten Beitrag in Christoph Burgmers (Hg.) Sammelband „Streit um den Koran", S. 76, Anm. 1. Danach ist Sure 112 so zu verstehen: (Auf die Frage, wer ist Gott der Eine, sollst du antworten): 1.Sprich: Gott der Eine, 2. (das ist) Gott der (zu einer Einheit) „Verbundene" (Ṣamad ) (= der „Dreieinige"[26]), 3. (der) nicht gezeugt hat und nicht gezeugt wurde 4. und dem keiner gleich kommt.[27] Dass Gott Einer ist, wird auch in Sure 72:3 gesagt. Man kann sich darüber wundern, dass man das dort vorkommende und in vielen heutigen arabischen Dialekten weit verbreitete Wort حـد /ḥad (jemand)(< syro-aramäisch dj / ḥaḏ )(Einer) mit einem überflüssigen und sinnlosen Unterpunkt belegt hat, wodurch die Satzharmonie entstellt wurde. Der Vers lautet: وانه تعلى جـد ربنا ما اتخذ صحبه ولا ولدا Für das fragliche Wort جـد /ǧadd hat man im Arabischen die Wahl zwischen Großvater, Ernst, Eifer und Glück. Paret übersetzt (485): 3: „Und (mir ist eingegeben worden, daß die Dschinn sagten): ‚Unser Herr, der Inbegriff von Glück (und Segen), ist erhaben. [Anm. 1 W: Das Glück (ǧadd) unseres Herrn ist erhaben.] Er hat sich weder eine Gefährtin noch ein Kind [Anm. 2: Oder (Mehrzahl): Kinder] zugelegt.' Blachère (619) bietet für diesen Vers eine elegante Lösung: 3 „Notre Seigneur (que Sa grandeur soit exaltée !) n'a pas pris de compagne ou d'enfant. Bell (II, 610) stimmt ihm bei und übersetzt: 3. „And that He - exalted be the majesty of ourLord - hath taken for Himself neither wife [Anm. 1 Lit. "female companion."] nor offspring ;" Es ist ebenso erstaunlich, dass unsere Koranübersetzer nicht auf die Idee gekommen sind, sich den Punkt unter جـد /ǧadd weg zu denken und حـد /ḥad (Einer) zu lesen. So ergibt sich folgendes Verständnis: „Und dass der Höchste[28] Einer (ist): Unser Herr hat sich weder Gefährten noch ein Kind (an Sohnes Statt) genommen.
7. Zur Fehllesung von صاحبه /ṣāḥiba (Gefährtin): Die koranische Defektivschreibung von صحبه lässt zweierlei Lesungen zu. Die kairiner Koranfassung liest صاحبه /ṣāḥiba und macht daraus eine „Gefährtin" (Gottes), während die Lesung صحابه /ṣaḥāba (als Plural) die Bedeutung „Gefährten" (wie die Gefährten, Genossen des Propheten)[29] ergibt, was zur koranischen Theologie besser passt. Der Koran gebraucht dafür als Synonym sonst den Begriff شريك /šarīk (im Singular) und (Plural) شركا /šurakā (Teilhaber). Die Fehllesung des Schriftzuges صحبه kommt im Koran ein zweites Mal in Sure 6 :101 wie folgt vor : بديع السموت والارض انى (= أين ) يكون له ولد ولم تكن (= يكن ) له صحبه ( صاحبه = صحابه) وخلق كل شي وهو بكل شي عليم Paret (114) übersetzt : 101: „(Er ist) der Schöpfer von Himmel und Erde. Wie soll er zu Kindern kommen, wo er doch keine Gefährtin hatte (die sie ihm hätte zur Welt bringen können) und (von sich aus) alles geschaffen hat (was in der Welt ist)? Er weiß über alles Bescheid." Blachère (164) und Bell (I, 125) verstehen den Begriff entsprechend (compagne / female companion). Nach der vorgeschlagenen Emendation ist aber dieser Vers so zu verstehen: „(Er, der) Schöpfer des Himmels und der Erde (ist), wie[30] sollte er ein Kind haben, hatte er doch keine Gefährten, da er alles schuf und er um alles weiß (bzw. alles vermag)[31] !" Die zweifache Fehllesung der koranischen Defektivschreibung صحبه und deren Fehldeutung als صاحبه /ṣāḥiba (Gefährtin) statt صحابه /ṣaḥāba (Gefährten)[32] wird durch zwei koranische Parallelstellen bestätigt. In Sure 17:111 heißt es : وقل الحمد للـه الذي لم يتخذ ولدا ولم يكن له شريك في الملك „Und sprich: Lob sei Gott, der sich kein Kind (an Sohnes Statt) genommen hat und keinen Beteiligten an der Herrschaft hatte..." Der gleiche Inhalt begegnet in Sure 25:2 : الذي له ملك السموت والارض ولم يتخذ ولدا ولم يكن له شريك في الملك „(Gott) dem die Herrschaft über Himmel und Erde (gehört), (der) sich kein Kind (an Sohnes Statt) genommen hat und keinen Beteiligten an der Herrschaft hatte..." Die Vorstellung, dass Gott einer Gefährtin bedurft hätte, um sich ein Kind zuzulegen, wie Paret die besprochenen Passagen verstanden hat, wird dadurch gegenstandslos. Aus den zuletzt zitierten Stellen wird vielmehr der monarchianische Grundgedanke der koranischen Theologie klar. Danach wird nicht nur die Theologie der Gottessohnschaft (auf die Sure 112:3 anspielt), sondern auch die des Adoptianismus (wonach Gott einen Menschen an Sohnes Statt angenommen hat) verworfen. Letztere Polemik richtet sich vermutlich gegen die Theologie der ostsyrischen Nestorianer. Ein Adoptivsohn, der an der göttlichen Herrschaft Anteil hätte, wird ebenso abgelehnt wie jede andere Form der Beteiligung. Daher hat Gott weder einen Adoptivsohn noch sonstige Teilhaber (und nicht eine „Gefährtin"). 8. Typische Fehltranskriptionen ähnlich aussehender syrischer Buchstaben Auf die irrige Abschreibung syro-aramäischer Buchstaben ins jüngere arabische Schriftsystem bei der Erstellung des arabischen Koran wurde bereits oben an Hand konkreter, philologisch und kontextuell begründeter Beispiele hingewiesen. Zu welchem historischen Zeitpunkt diese Transkription statt gefunden hat, kann zum jetzigen Stand der Koranforschung nicht festgestellt werden. Dies ist auch nicht Aufgabe dieses Beitrages. Vielmehr soll hier durch den Nachweis weiterer Beispiele zu einem plausibleren Verständnis des Korantextes beigetragen werden. Dieser Beitrag beschränkt sich vorerst auf die Verwechslung folgender, einander ähnlich aussehender Buchstaben des syrischen Alphabets.
Diese dem Rabbula-Evangeliar (A.D. 586)[33] entnommenen drei Buchstaben (von rechts nach links: l /L, [ /ʿayn, n /N ), wie auch der Laie sehen kann, wurden schon innerhalb des syrischen Schriftsystems je nach Sorgfalt bzw. Nachlässigkeit des jeweiligen Kopisten mit einander verwechselt. Kein Wunder, dass solche typische Verwechslungen auch bei der Übertragung ins jüngere, für die arabischen oder arabo-aramäischen Kopisten noch nicht ganz geläufige arabische Schriftsystem vorgekommen sind. Der (verhängnisvolle) Unterschied liegt nur darin, dass, während der syrische Leser solche Verschreibungen innerhalb des Syrischen aus dem Kontext relativ leicht erkennen konnte, dies für den gebildeten arabischen Leser nicht mehr möglich war, da die entsprechenden arabischen Buchstaben sich formal von einander so unterscheiden, dass eine Verwechslung faktisch auszuschließen war. Die syrisch-arabische Entsprechung der drei abgebildeten syrischen Buchstaben sieht (von rechts nach links) wie folgt aus : Syrisch l = arabisch لـ /L ; syrisch [ = arabisch عـ /ʿayn ; syrisch n = arabisch نـ /N Für die irrtümliche Übertragung des syrischen [ /ʿayn in ein arabisches لـ /L war erstmals im Beitrag „Neudeutung der arabischen Inschrift im Felsendom zu Jerusalem"[34] aufgefallen. Dort wurde gezeigt, dass das in Sure 72:19 vorkommende arabische لـ /L im Schriftzug لبدا (gelesen: libadan - Bedeutung unklar) als syrisches [ /ʿayn zu lesen war. Im Zusammenhang liest die Kairiner Koranausgabe : وانه لما قام عبد اللـه يدعوه كادوا يكونون عليه لبدا Dem Verständnis der arabischen Kommentatoren folgend, übersetzt Paret (486) [die unsichtbaren Geister sagen ferner]: 19: „Und: ‚Als der Diener Gottes [Anm. 12: D.h. Mohammed] sich aufstellte, um ihn anzurufen [Anm. 13: Oder: zu ihm zu beten], hätten sie ihn (vor lauter Zudringlichkeit?) beinahe erdrückt (kādū yakūnūna ʿalaihi libadan)' [Anm. 14: Die Deutung des Verses ist ganz unsicher]." Liest man aber arabisch عبدا /ʿibādan statt لبدا /libadan, ergibt sich folgendes Verständnis: 19: „[Die unsichtbaren Geister sagen] ferner : ‚Als der Knecht Gottes (nämlich Jesus Sohn der Maria) auferstanden war (und) ihn (= Gott) weiterhin anrief (d.h. weiterhin den einen Gott verehrte), hätten sie (= die Menschen) ihn beinahe (als Gott) verehrt. 20: [Dies wehrte der Knecht Gottes ab und] sprach: ‚Ich rufe doch meinen Herrn an (d.h. ich verehre doch nur den einen Gott) und geselle ihm keinen anderen bei!"[35] Weitere Beispiele solcher Verwechslung syrischer Buchstaben folgten im Beitrag „Relikte syro-aramäischer Buchstaben in frühen Korankodizes im ḥiǧāzī- und kūfī-Duktus".[36] Für die Fehltranskription der drei oben abgebildeten syrischen Buchstaben ist eine weitere Publikation in Arbeit, in der weitere, jeweils philologisch und kontextuell begründete Beispiele aus der kanonischen Fassung des Koran, wie sie uns in der Kairiner Ausgabe vorliegt, veranschaulicht werden. [1] Christoph Luxenberg, Die syro-aramäische Lesart des Koran.23-29 Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, 1. Auflage, Berlin 2000, 8-15; 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin 2004, 23-29; 3. Auflage, Berlin 2007, 23-30; englische Ausgabe: The Syro-Aramaic Reading of the Koran. A Contribution to the Decoding of the Language of the Koran, 1st Edition, Berlin 2007, 22-28. [2] Ein erstes Fallbeispiel war die im Kontext sinnlose arabische Schreibung von يلحدون (traditionelle Lesung: yu-lḥidūna), das „anspielen" bedeuten soll (Sure 7:180; 16:103; 41:40); die Bedeutung ergibt sich jedoch erst aus der syrischen (Garshuni) Schreibung = (phonetisch) arabisch يلغزون (yu-lġizūna), was auch der Lisān (V, 405b) bestätigt: ألغز الكلام وألغز فيه: عمّى مراده وأضمره على خلاف ما أظهره (bezogen auf die Rede heißt alġaza : das Gemeinte verdunkeln und nicht deutlich äußern). [3] In: Karl-Heinz Ohlig (Hg.), Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, 1. Aufl., Berlin 2007, S. 377-414. [4] Ṭabarī (Korankommentar), I, 26 ff. Dort wird berichtet, dass die Syrer sich auf die Lesung von Ubai b. Kaʿb, die Iraker aber auf die des Ibn Masʿūd beriefen. [5] Näheres dazu siehe Christoph Luxenberg, Die syrische Liturgie und die „geheimnisvollen Buchstaben" im Koran. Eine liturgievergleichende Studie, in: Markus Gross / Karl-Heinz Ohlig (Hg.), Schlaglichter - Die beiden ersten islamischen Jahrhunderte, Inârah 3, 1. Aufl., Berlin 2008, S. 435 ff. [6] Russisch und französisch handgeschriebenes Impressum : « САМАРКАНДСКІЙ КУФИЧЕСКІЙ КОРАНЬ / Coran coufique de Samarcand - écrit d'après la tradition de la propre main du troisième calife Osman (644-656) qui se trouve dans la bibliothèque IMPÉRIALE publique de St Petersbourg - Edition faite avec l'autorisation de l'Institut Archéologique de St Petersbourg - (facimile) - par S. Pissaref. St Petersbourg 1905 » [7] Syro-aramäisch Bwt /tūḇ > mandäisch (= ostaramäisch-babylonisch) תום /tūm > arabisch ثم /ṯum(ma) [altaramäisch תוב /*ṯūḇ > hebräisch שוב /šūḇ] heißt eigentlich nicht „hierauf ", wie Paret (123) übersetzt („Und wir haben doch euch (Menschen) geschaffen. Hierauf gaben wir euch eine (ebenmäßige) Gestalt"), sondern: „wiederum, ferner, sowohl als auch"; s. Mannā (831b) unter B/tūḇ : ثمّ, ايضاً. ثانية (ferner, auch, wieder), 2) بعِِدُ. ما عدا ذلك (dazu noch, außerdem); s. ferner C. Brockelmann, Lexicon Syriacum (817b), der, je nach Beleg, 7 Nuancen angibt, darunter 7. Bwt al (lā tūḇ) nondum (nicht wieder = noch nicht), laut Thesaurus (II, 4400) aber (bzw. ferner), neben al Bwt (tūḇ lā): non amplius (nicht wieder = nicht mehr); dem entspricht koranisch-arabischثم لا (ṯumma lā ), wie in Sure 11:113 (ثم لا تنصرون ), von Paret (189) so wiedergegeben: „(Und dereinst) wird euch nicht geholfen werden" mit dem Vermerk (107): „W(örtlich): hierauf ". Dabei ist es (syro-aramäisch) so zu verstehen : „Und euch wird nicht mehr geholfen". So auch an weiteren Koranstellen, wo die Verbindungثم لا /ṯum(ma) lā nicht „darauf hin nicht", sondern regelmäßig „wieder nicht = nicht wieder = nicht mehr" bedeutet. [8] Brother Mark, A 'Perfect' Qur'an, New York International Bible Society, 2000, Appendix A: Samarqand MSS VS 1924 Egyptian Edition, S. XIX, Z. 1, unter Page #338. [9] Siehe Th. Nöldeke, Kurzgefasste syrische Grammatik, S. 169, § 224. [10] Sprachwiss. Untersuch, i, 22, with reference to Ibn Yaʿīš, I, 499, line 7. Cf. also Reckendorf, Die syntaktischen Verhältnisse des Arabischen, Leiden, 1898, p. 325; Wright, Arabic Grammar, i, 294 d. [11] Siddiqi, Studien, 13. [12] Itq, 325. Others thought it Aramaic (Mutaw, 54) or Ḥauranic (Muzhir, i, 130), or Hebrew (Itq, 325).
[13] Siehe dazu Anton Spitaler, Die Schreibung des Typus صلوة im Koran.Ein Beitrag zur Erklärung der koranischen Orthographie. In: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, Bd. 56, Festschrift Herbert W. Duda, Wien 1960. [14] In: Karl-Heinz Ohlig (Hg.), Der frühe Islam - Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, 1. Aufl., Berlin 2007, S. 393-412. [15] Aus syro-aramäisch anya /aynā, zusammengesetzt aus der interjektionellen Partikel öya /ayn < *öyh / hayn) und der enklitischen Deutepartikel ah /hā, durch Lautverschiebung > anya (aynā) durch Assimilation des nūn und der dadurch bedingten Ersatzverdoppelung des yā ergibt sich die arabische Form أيّ (zu sprechen: ayyā / ayy). N.B.: Die von der klassisch-arabischen Grammatik vorgeschriebene Flexion nach Nominativ, Genitiv und Akkusativ (ayyu, ayyi, ayya) ist fiktiv, da dieses Interrogativpronomen etymologisch nicht anders zu behandeln ist als das gleichfalls dem Aramäischen entlehnte Demonstrativpronomen هذا (hāḏā) (dieser), das nach der arabischen Grammatik - diesmal zu Recht - indeklinabel ist. Die ursprüngliche syro-aramäische Form anya (aynā) (ayna und ēna gesprochen) ist heute noch in einzelnen arabischen Dialekten Syriens und Mesopotamiens lebendig. Gegen die Analyse des Thesaurus (I, 158), der syrisch anya (aynā) zusammengesetzt erklärt aus der sekundären, erst nach Abfall des End-nūn entstandenen Partikel Ya /ay (aus *öyh / hayn > öya /ayn > Ya /ay), in der er eine selbständige Fragepartkel (partic. interrog.) sieht, und anh /hānā (das wiederum sekundär aus kontrahiertem *öyh /hayn > öh / hān + ah / hā besteht), sprechen die in heutigen arabischen Dialekten des Vorderen Orients fortbestehenden Varianten für „hier" wie „hēn", „hān" > (westsyrisch) „hōn", „hena / həna" und „hnā", die allesamt kontrahierte Formen aus syro-aramäisch *öyh / hayn > öh / hēn / hān > hōn (vereinzeltes + enklitisches ah /hā) sind, woraus nicht zuletzt klassisch-arabisch هنا / hunā (dessen u, wenn nicht fiktiv, sich nur aus der westsyrischen Aussprache erklären ließe). Entsprechend sind die im Thesaurus genannten chaldäischen (= ostsyrisch-babylonischen) Varianten zu erklären, deren Pluralformen הנון /hənnōn > אנון /ənnōn aus dem Demonstrativum *hayn > hēn > hən > ən und dem enklitischen Personalpronomen Plural hōn zusammengesetzt sind, wobei die Assimilation des enklitischen h die Verdoppelung des mittleren n zur Folge hat. [16] Zu den einzelnen Bedeutungen von syro-aramäisch öya (ēn) s. Mannā (16b): نعم. بلى (ja, jawohl); (2) يا. أيا للنداء (O zum Ausruf ); (3) هل للاستفهام (Fragepartikel); (4) لكن. إلا. غير أنّ (aber, doch, jedoch). [17] Mannā (165a) : ah al (lā hā ?) أليس. أو ما (ist es nicht ...?); ferner Thesaurus (II, 1869): al (lā), particula negativa et privativa,... 3) interrogativa, nonne ; Valet: *) annon ? nonne ? Jud. x.11, Mat. vii.22, x.29...; ita ah al (lā hā ?), Mat. v. 46, 47, vi. 26, Hebr. i. 14 ; ita awh al (lā (h)wā ?), Heb. הלא (hā-lā /hā-lō [kontrahiert vielleicht > hallā ] ?), Ex. iv. 4, I Cor. x. 16, Jac. ii. 5, 21, 25... [18] Christoph Luxenberg, Die syrische Liturgie und die „geheimnisvollen Buchstaben" im Koran, in: Markus Groß/Karl-Heinz Ohlig (Hg.), Schlaglichter, S. 426-435. [19] Dass die Endflektion des regelmäßigen femininen Plurals (ات /āt) auf i und nicht auf a lautet, ist eine willkürliche Bestimmung der späteren Urheber der klassisch-arabischen Grammatik, die auf die Sprache des Koran keine Anwendung findet, zumal die Endung der syrischen Singular- (ata /āṯā) wie Pluralform (atw\ta/āṯwāṯā) dieses koranischen Lehnwortes auf ā lautet. [20] Zur Verbindung zweier auf einander folgender Verben ohne Konjunktion, weil sie im Wesentlichen auf eine Haupthandlung hinauslaufen, siehe Theodor Nöldeke, Kurzgefasste syrische Grammatik, § 337. A. [21] a) Das dem Wort لاجرا /la-aǧrā präfigierte لـ / l- hat hier keine verstärkende Bedeutung, wie sie in Verbindung mit der verstärkenden Partikel إنّ /inna (oder vor einem Schwur) häufig im Koran auftritt; sie drückt vielmehr eine der Fragepartikel ان < öya / ēn zugrunde liegende Ungewissheit aus, die ihr naturgemäß eine dubitative Nuance verleiht. [22] Theodor Nöldeke, Kurzgefasste syrische Grammatik, 2. verbesserte Auflage, Leipzig 1898 (Nachdruck, Anhang bearbeitet von Anton Schall, Darmstadt 1977), S. 263. [23] Je nach Kontext entspricht koranisch اذ /iḏ und اذا /iḏā semantisch syro-aramäisch dk /kaḏ (als, während, indem), vereinzelt auch konzessiv (obwohl), wie in Sure 7:12, wo Gott Iblīs fragt : ما منعك الا تسجد اذ امرتك (Was hat dich davon abgehalten, dich nieder zu werfen, obwohl ich es dir befohlen habe ? ). [24] Ebenso wie حافرة /ḥāfira (eigentlich : ḥafra) ist نخره /naḫira (= naḫra) morphologisch ein syro-aramäisches Partizip Passiv auf paʿlā (= arabisch محفوره /maḥfūra [gegraben, ausgehöhlt], منخوره /manḫūra [durchlöchert]). [25] Siehe dazu Christoph Luxenberg, The Syro-Aramaic Reading of the Koran, S. 100-104: On the Morphology and Etymology of Syro-Aramaic anfs (sāṭānā) and Koranic شيطن (šayṭān); ausführlicher in: Christoph Burgmer (Hg.), Streit um den Koran. Die Luxenberg-Debatte: Standpunkte und Hintergründe, 3. erweiterte Auflage, Berlin 2007, S. 69-82 : Zur Morphologie und Etymologie von syro-aramäisch anfs (sāṭānā = Satan) und koranisch-arabisch شيطن (šayṭān). [26] Dieses Verständnis lässt sich im Koran belegen. In Sure 17:85 heißt es: ويسلونك عن الروح قل الروح من امر ربي وما اوتيتم من العلم الا قليلا „Fragen sie dich nach dem Geist, so antworte : Der Geist (ist = geht hervor) vom Logos meines Herrn" (vgl. das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel: „et in Spiritum Sanctum qui ex Patre Filioque procedit"). Die Verwerfung dieser Lehre in Sure 5:73 لقد كفر الذين قالوا ان اللـه ثالث ثلثة (Ketzer sind die, die sagen, Gott sei der dritte von dreien) zeigt, dass der Urheber dieses Anathemas die theologische Aussage von Sure 17:85 übersehen oder nicht begriffen hat. In diesem Vers heißt es auch abschließend: وما اوتيتم من العلم الا قليلا „von Theologie habt ihr allerdings wenig Ahnung !" (wörtlich: „und nicht ist euch übermittelt worden an „Wissen" [= göttliches Wissen/Theologie] außer ein wenig"). [27] Arabisch كفى /kafā (genügen) entspricht lexikalisch (und folglich auch semantisch) syro-aramäisch Qps /sfaq, wofür Mannā (508a) folgende arabische Bedeutungen angibt: 1) كفى. كان كافيا (genügen, ausreichend sein); (4) فهم. أدرك (verstehen, begreifen); (5) ساوى. كان أهلا جديرا (gleich kommen, ebenbürtig sein). Die traditionelle koranische Lesung zu كفوا lautet (fälschlich) kufuwan, eine erdachte Nominalform, in deren End-Alif (nach der Regel der klassisch-arabischen Grammatik) man ein Zeichen des Akkusativs als Prädikat des Verbums كان /kāna (sein) gesehen hat. Die aramäische Orthographie deutet aber eher auf die Lesung kafū hin (klassisch-arabisch كفوء /kafūʾ), was auch morphologisch einem Nomen agentis entspricht und syntaktisch besser mit dem Satz harmoniert. Eine vergleichbare Form finden wir in Sure 4:99, wo es heißt: وكان اللـه عفوا غفورا /wa-kana llāh(u) ʿafūwa(n) ġafūrā (wörtlich: denn Gott ist (ein) Nachlassender, (ein) Vergebender). Alternativ könnte man den letzten Satz von Sure 112 syro-aramäisch auch so verstehen: „und keiner vermag ihn zu begreifen". Dieses theologisch vertretbare Verständnis (etwa im Hinblick auf das Mysterium der „Trinitätslehre") wäre aber religionshistorisch zu prüfen. [28] Zwar heißt تعالى /taʿālā „er ist, er sei erhaben", aber dieses Lob wird als Verbalname für Gott den Höchsten gebraucht und ist heute noch gang und gäbe. [29] Der Lisān (I, 519b f.) zählt folgende Pluralformen von صاحب /ṣāḥib auf : أصحاب / aṣḥāb, أصاحيب /aṣāḥīb,صحبان /ṣuḥbān, صحاب /ṣiḥāb, صحب/ṣaḥb, صحابة/ ṣaḥāba, ṣiḥāba (dazu ein ḥadīṯ bezogen auf den Propheten und die Bemerkung): ولم يجمع فاعل على فعالة إلا هذا (dies ist der einzige Fall, bei dem die Form fāʿil den Plural auf faʿāla bildet); zu dem zur Bezeichnung der aramäischen Pluralendung auf ē vom Arabischen übernommene End-h (das im Arabischen die Femininendung Singular bezeichnet) erklärt der Lisān : تزاد الهاء لتأنيث الجمع (das h wird hinzugefügt, um aus dem Plural ein „Femininum" zu machen). [30] Zur Fehltranskription von انى /annā statt اين /ayna (28 Mal im Koran) durch Verwechselung des syrischen End-nūn mit dem arabischen End-yā siehe Christoph Luxenberg, Neudeutung der arabischen Inschrift im Felsendom zu Jerusalem, in: Karl-Heinz Ohlig / Gerd-R. Puin (Hg.), Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, 1. Aufl., Berlin 2005, S. 136, Anm. 18. [31] In diesem Zusammenhang ist letztere Bedeutung eher in Erwägung zu ziehen, sofern arabisch علم /ʿalima dem syro-aramäischen [ /ʿlem, ʿlam entlehnt ist, und diese Verbalwurzel wiederum eine Sekundärbildung ist von syro-aramäisch Mlj /ḥlam durch Sonorisierung des Kehllauts j /ḥ zu [ /ʿayn (Grundbedeutung: stark sein). Das Arabische hat nur die übertragene Bedeutung von Wissen (als intellektuelle Stärke) übernommen. Über die Aussprache des Kehllauts ḥ als ḫ (kh /ch) im Ostsyrisch-Babylonischen ist im Arabischen wiederum durch Sonorisierung des ḫ zu ġ (tertiär) das Wort غلام /ġulām (ein in der Phase des Wachstums, Erstarkens befindlicher Jüngling, Bursche < syro-aramäisch amlj /ḥalmā, amylj /ḥlīmā > amyl[ /ʿlaymā) und die entsprechende Verbalwurzel (غلم / ġalima ) entstanden. [32] Nach dem Lisān (I, 520a) kann damit auch ein Infinitiv bzw. ein Verbalnomen مصدر) /maṣdar ) (etwa „Teilnehmerschaft") gemeint sein. [33] The Rabbula Gospels, Facsimile Edition of the Miniatures of the Syriac Manuscript Plut. I, 56 in the Medicaean-Laurentian Library, edited and commented by Carlo Cecchelli, Giuseppe Furlani and Mario Salmi, URS Graf-Verlag, publishers, Olten and Lausanne1959 (f. 159a, Kolumne b, Zeile 11). [34] In: Karl-Heinz Ohlig / Gerd-R. Puin (Hg.), Die dunklen Anfänge: Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, 1. Aufl., Berlin 2005, S. 131 ff. [35] Vgl. hierzu Sure 19:36. [36] In: Karl-Heinz Ohlig, Der frühe Islam:Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, 1. Aufl., Berlin 2007, S. 377-414. |












