| Die geheimnisvollen Buchstaben im Koran - 1. Teil |
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Die syrische Liturgie und die "geheimnisvollen Buchstaben" im Koran Eine liturgievergleichende Studie Christoph Luxenberg 1. Einführung
Die Bedeutung der vor 29 Koransuren stehenden Stenogramme hat seit Anbeginn der Koranexegese die Koranforscher in Ost und West beschäftigt. So geht Ṭabarī (gest. 923)[1], der in der islamischen Tradition als Verfasser des wichtigsten und umfangreichsten Korankommentars gilt, anlässlich der Erklärung des ersten Stenogramms الم / alm zu Beginn der Sure II al-Baqara (die Kuh), auf dieses Änigma ein. Auf seine einleitende stereotype Bemerkung „Die Meinungen der Korankommentatoren zu dem Wort Gottes الم / alm sind vielfältig" lässt er vierzehn meist auf Überliefererketten gestützte Deutungen folgen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: 1. Diese Buchstaben bezeichnen einen unter anderen Namen des Koran; 2. es sind „eröffnende" Buchstaben (فواتح / fawātiḥ), mit denen Gott den Koran „eröffnet, einleitet" (daher in der islamischen Tradition u.a. die Bezeichnung فواتح السور / die eröffnenden [Buchstaben] der Suren); 3. sie bezeichnen den Namen der Sure; 4. sie bezeichnen den Namen des erhabenen Gottes; 5. es sind Schwurformeln, mit denen Gott schwört und die zu seinen Namen gehören; 6. es sind einzelne Buchstaben aus Nomina und Verben, wobei jeder Buchstabe eine andere Bedeutung hat als der andere; 7. es sind bestimmte Buchstaben des Alphabets (ohne nähere Erklärung); 8. es sind Buchstaben, von denen jeder einzelne unterschiedliche Bedeu-tungen haben kann; 9. es sind Buchstaben, die einen Satz beinhalten; 10. jedes Buch hat ein Geheimnis, und das Geheimnis des Koran sind seine Anfangsbuchstaben (daher die geheimnisvollen Buchstaben); 11. von den arabischen Philologen vertreten einige die Meinung, es seien Buchstaben des Alphabets, die stellvertretend für die restlichen achtund- zwanzig Buchstaben (des arabischen Alphabets) stehen; 12. mit diesen Buchstaben wurden die Suren eingeleitet, um damit das Ge- hör der mušrikīn (der Beigeseller = die dem einen Gott andere Götter beigesellen) zu öffnen (= um deren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken); 13. es sind Buchstaben, mit denen Gott seine Worte einleitet. 14. Nach der Bedeutung dieser Buchstaben befragt, soll der Prophet diese als Zahlenbuchstaben (nach dem syro-aramäischen Zahlensystem) ge-deutet haben. So stünden die Buchstaben الم / alm für die Zahl 71 (a = 1, l = 30, m = 40 = 71). Interessant ist diesbezüglich die Frage des Propheten an seine Zuhörer, ob sie denn nicht wüssten, dass die Wirkungszeit eines Propheten und die Frist seiner Gemeinschaft 71 Jahre betrage. Dieser Zahlensymbolik ließ der Prophet aufsteigende Zahlenwerte folgen mit den nachfolgenden Buchstabengruppen: المص / almṣ (a = 1, l = 30, m = 40, ṣ = 90) = 161 Jahre; الر / alr (a = 1, l = 30, r = 200) = 231 Jahre; المر / almr (a = 1, l = 30, m = 40, r = 200) = 271 Jahre. Zwar stimmt die Summe der jeweiligen Kürzel, die progressive Reihenfolge der Buchsta-ben entspricht jedoch nicht der des degressiven aramäischen Zahlensys-tems, demzufolge der größere Buchstabenwert an erster Stelle steht. Dennoch ist der Hinweis auf mögliche Zahlen bei bestimmten Buchsta-ben nicht ohne Interesse, wie sich bei der Deutung einzelner Buchstaben zeigen wird. Auf diese ursprünglich aramäischen Buchstabenzahlen, die die Araber übernommen haben, geht die im späteren Islam (möglicher-weise in Anlehnung an jüdische Tradition) weiterentwickelte Zahlen-mystik im Koran zurück. Auf die unterschiedlichen Deutungsversuche der Korankommentatoren geht Ṭabarī im Einzelnen ein und ist bemüht, jeder Deutung eine Berechtigung zuzuerkennen. Er selbst vertritt abschließend die Ansicht, dass diese Buchstaben keine zusammenhängenden Wörter bilden, sondern als getrennte Buchstaben (daher u.a. die Bezeichnung حروف مقطعة / ḥurūf muqaṭṭaʿa) anzusehen sind, die unterschiedliche Bedeutungen haben können. Damit rechtfertigt er die aufgeführten Meinungen der Korankommentatoren, ohne sich jedoch auf bestimmte Deutungen festzulegen. Mit dieser vorsichtigen Haltung hat Ṭabarī letztlich nicht unrecht, da diese Stenogramme, wie wir sehen werden, tatsächlich Verschiedenes bedeuten können. Für die spätere islamische Tradition blieb somit der Raum für weitere Deutungsversuche offen, wovon eine reichhaltige Literatur bis in unsere Tage zeugt. Diese soll uns hier nicht beschäftigen, da sie auf Spekulationen beruht, die uns nicht weiter bringen würden. Dafür ist es angebracht, auf die abendländische Koranforschung kurz einzugehen, die sich mit dem Thema der geheimnisvollen Buchstaben befasst hat.
2. Zum Stand der westlichen Koranforschung
Im Sammelband Der Koran[2] gibt R. Paret im Abschnitt VI (S. 330-385) die wichtigsten Beiträge der abendländischen Forschung zum Thema „Geheim-nisvolle Buchstaben" wieder, „da es sich um ein bis jetzt nur teilweise ge-klärtes Problem handelt", um demjenigen, der „weiter daran herumrätseln will", eine zeitaufwendige Suche zu ersparen (S. XIII). Zu VI: Die geheimnisvollen Buchstaben (S. XXI f.) führt er weiter aus: „In Abschnitt VI sollten, wie schon oben bemerkt wurde, die neuen Publikationen über die rätselhaften Buchstaben, die einigen Suren vorangestellt und wohl als Siglen zu deuten sind, möglichst vollständig zusammengestellt werden. Der Beitrag von A. Jeffery in The Moslem World, 14, 1924 (S. 247-260) wurde allerdings ausgelassen, da er nur referiert, ohne Eigenes zu bringen. Ausgelassen wurden auch (aus Platzmangel und wegen des weit zurückliegenden Datums) die an sich wichtigen Beiträge von Loth (Zeitschrift der Morgen-ländischen Gesellschaft, 35, 1881, S. 603-610) und Hartwig Hirsch-feld (New Researches into the Composition and Exegesis of the Qo-ran, London 1902, S. 141-143). Zusätzlich sei eine weitere Abhand-lung aus neuester Zeit angeführt: James A. Bellamy, The Mysterious Letters of the Koran: Old Abbreviations of the Basmalah (Journal of the American Oriental Society, 93, 1973, S. 267-285).[3] Auch Bellamy hat keine überzeugende Lösung des Rätsels anzubieten. Grundlegend bleiben nach meiner Ansicht immer noch die Ergebnisse der Unter-suchungen von Hans Bauer (1921). Demnach scheinen die Siglen sehr alt zu sein und auf Sammlungen von Suren hinzuweisen, die bei der Herstellung der ʿuṯmānischen Koranausgabe schon vorlagen und ebenso wie diese nach dem Prinzip der abnehmenden Länge ange-ordnet waren. Auch über die Bedeutung der einzelnen Buchstaben und Buchstabenkombinationen hat H. Bauer scharfsinnige Überle-gungen angestellt. Eine restlose Klärung dieses schwierigen Fragen-komplexes ist ihm allerdings noch nicht geglückt." Mit dieser Feststellung hat Paret richtig gesehen, dass auch mit scharfsinnigen Überlegungen dem Rätsel der geheimnisvollen Buchstaben nicht beizu-kommen war. Ein kurzer Überblick über die einzelnen Thesen der von Paret genannten Forscher wird uns zeigen, warum ihre Bemühungen zu keinem schlüssigen Ergebnis führen konnten. a) Zur These von Hans Bauer: Über die Anordnung der Suren und über die geheimnisvollen Buchstaben im Qoran [4] (1921): H. Bauers Ausgangs-punkt ist die texthistorisch irrige Annahme, dass „in 4 (oder 5) Fällen" die Buchstaben ys (Sure 36), ṣ (Sure 38), q (Sure 50), ṭh (Sure 20) und (even-tuell) n (Sure 68) „die sonst üblichen Überschriften vertreten". Dabei übersieht H. Bauer, dass die frühesten uns bekannten Koranhandschriften gar keine Überschriften aufweisen. Diese wurden vielmehr von späteren Koranbearbeitern nach meist willkürlichen Kriterien hinzugefügt. Im Zuge dieser Bearbeitung wurden auch die vorgenannten Buchstaben, von denen man annehmen kann, dass sie wohl von Anfang an zu Beginn der jeweiligen Suren standen, zu Überschriften gemacht. Nicht auszuschließen ist aller-dings die Erwägung, dass diese Siglen zu anderen Texten gehört haben könnten. Auf diese Problematik geht auch H. Bauer abschließend kurz ein und kommt zu dem Schluss (S. 335): „Zur Klärung dieser Fragen sind weitere Spezialuntersuchungen erforderlich." Verfehlt ist jedoch seine Annahme, dass „die Auflösung der Abkürzungen unmittelbar aus der be-treffenden Sure zu entnehmen" sei oder auch, dass „gewisse innere oder äußere Beziehungen zwischen diesen Suren" und den ihnen vorgesetzten Buchstaben zu finden seien (S. 333). b) Zur These von Eduard Goossens: Ursprung und Bedeutung der koranischen Siglen[5] (1923): In dieser umfangreicheren, als Dissertation an-gelegten Abhandlung erkennt zwar E. Goossens, dass diese Buchstaben Ab-kürzungen darstellen, die teilweise technischer Art gewesen seien und ein-mal allgemein verständlich waren, ihre eigentliche Bedeutung vermag er jedoch nicht annähernd zu bestimmen. Statt dessen schließt er sich der all-gemeinen Auffassung an, dass auch diese „Abkürzungen bei den 29 Suren parallel zu den vorhandenen Überschriften der Suren zu setzen" seien. Die Vermutung sei nicht unberechtigt, „daß die rätselhaften Buchstaben und Buchstabengruppen nichts anderes darstellen als alte Überschriften" (S. 340 f.). Einleitend gibt E. Goossens folgende Tabelle des überlieferten Tatbestands der Siglen nach der von Schwally[6] aufgezeichneten Zusammenstellung wieder (S. 336):
Unter III (S. 344) unternimmt E. Goossens den Versuch, die einzelnen Zeichen auszulegen. Trotz der verwendeten Mühe beruhen jedoch seine Deu-tungsversuche auf Mutmaßungen, die zu keinem plausiblen Ergebnis füh-ren, weil er die eigentliche Funktion dieser Siglen nicht erkannt hat. c) Zu Morris S. Seale: The Mysterious Letters in the Qurʾān [7] (1957/59): Interessant ist bei diesem Beitrag der Hinweis, den Morris S. Seale auf „one example of memoria technica from the Talmud" gibt (Y ʿALKGM). Über-legenswert wäre auch der Vorschlag, den er zur Entschlüsselung der Buch-stabengruppe KHYʿṢ zu Beginn der Mariensure (Sure 19) macht. Doch bei diesem wie bei den übrigen Vorschlägen unterscheidet er sich nicht vom verfehlten Ansatz Bauers und Goossens, sofern er wie diese in den einzelnen Buchstaben Kürzel von Namen oder Stichwörtern vermutet, die er in der jeweiligen Sure zu finden sucht. d) Zu Alan Jones: The mystical letters of the Qurʾān [8] (1962): Für Alan Jones haben die koranischen Siglen eine rein mystische Bedeutung. Seine abschließende Bemerkung lautet: „My own feeling is that the letters are intentionally mysterious and have no specific meaning." Eine frühere Mei-nung Nöldekes, die Nöldeke selbst später aufgab, macht er sich zu eigen und zitiert ihn wie folgt: „The prophet himself can hardly have attached any particular meaning to these symbols; they served their purpose if they conveyed an impression of solemnity and enigmatical obscurity".[9] e) In seinem oben genannten Nachtrag „Again the Mysterious Letters" (s. oben Anm. 3) geht James A. Bellamy schließlich auf eine frühere Publikation zu diesem Thema ein und bekräftigt seine Meinung darüber, dass es sich bei diesen ungeklärten Buchstaben um Verschreibungen einer ur-sprünglichen basmalah (Kurzformel für bi-smi llāh ar-raḥmān ar-raḥīm / im Namen des gnädigen und barmherzigen Gottes) handelt. Die gewagten Emendationen, die er dabei vorschlägt, um seine These zu rechtfertigen, führt er auf Kopistenverschreibungen zurück. Zusammenfassend meint er abschließend: „I am more than ever convinced that the fawātiḥ are indeed old abbreviations of the basmalah that suffered corruption at the hands of later copyists. And after all, what can more properly stand before a surah than the basmalah?" Selbst wenn Bellamy teilweise in die richtige Richtung gedacht hat, so können die in frühen Koranhandschriften mehrfach überlieferten Abbreviaturen doch nicht allesamt auf jüngere Verschreibungen zurückgeführt werden. Alle aufgeführten Versuche der westlichen Koranforschung, dem Rätsel der geheimnisvollen Buchstaben im Koran beizukommen, unterscheiden sich prinzipiell kaum von denen der arabischen Korankommentatoren. Sie alle leiden an einem Defizit von kulturhistorischer Relevanz: den Korantext in seinem religionsgeschichtlichen Rahmen zu betrachten. Dass der Koran in einem syro-aramäischen Umfeld entstanden ist, ist inzwischen ein weithin anerkanntes Faktum. Die nachfolgenden Ausführungen werden diese kulturhistorischen Zusammenhänge konsequent offenlegen und plau-sibel zu machen suchen, warum die sogenannten geheimnisvollen Buchstaben des Koran ursprünglich mit einer der christlich-syrischen Liturgie nahestehenden Tradition zu tun hatten.
3. Die Rahmenbegriffe des Koran
Es scheint zunächst nicht unwesentlich zu sein, daran zu erinnern, dass die drei Rahmenbegriffe des Koran (Qur'ān - Sūra - Āya) allesamt dem Syro-Aramäischen entlehnt sind. Auf deren Etymologie wird im Folgenden kurz eingegangen. 3.1 قران / Qur'ān < Nyrq / Qeryān Die Erkenntnis, dass قران / Qur'ān, als Name des heiligen Buches des Islam, eine Übernahme aus dem syro-aramäischen kirchlichen Terminus _Nyrq / Qeryān (Lektionar / Lesung) ist, hat sich seit Theodor Nöldeke (1836-1930) in der westlichen Koranforschung durchgesetzt.[10] Darauf ist der Autor in seiner Studie Die syro-aramäische Lesart des Koran[11] näher eingegangen. Dort wurde bereits darauf aufmerksam gemacht, dass das Lehnwort Qur'ān / Koran (eigentlich aber Qeryān) uns den Schlüssel zum Verständnis der Koransprache liefert. Hinzu kommen zwei weitere Begriffe, die den Korantext betreffen, von denen der eine, سورة /sūra (Sure = Kapitel), die nächst größere Texteinheit, der andere, اية /āya (Zeichen), das kleinste Schriftelement (Schriftzeichen) bezeichnen. 3.2 سورة /sūra < atrwx / ṣūrtā Die heute mit Sūra geläufige Überschrift der einzelnen Kapitel des Koran ist an sich eine späte Einfügung, da sie in den frühesten Koranhandschriften fehlt. Aus den zehn Koranstellen (Sure 2: 23; 9: 64, 86, 124, 127; 10: 38; 11: 13; 24: 1; 47: 20 [2x]), in denen dieses Wort (9x im Singular, 1x im Plural) vorkommt, hat man geschlossen, dass der Koran damit die einzelnen (zunächst nicht näher definierten) Textabschnitte meint. Nach dem einleitenden Vers zu Sure 24 war dieses Verständnis gerechtfertigt. Daher die Über-tragung dieses Begriffes in der späteren islamischen Tradition auf sämtliche Korankapitel in Verbindung mit den aus dem jeweiligen Text nachträglich ermittelten Surennamen. 3.2.1 Zur Etymologie von سورة /sūra Bevor der Begriff Sūra (Sure) zum Terminus technicus der einzelnen koranischen Texteinheiten wurde, haben namhafte arabische Philologen und westliche Koranforscher dessen Etymologie zu klären versucht. Während Ṭabarī dieses Wort als allgemein bekannt voraussetzt, zitiert der Lisān (IV, 386a f.) den Lexikographen al-ǧawharī (gest. 1005), der dessen Grundbedeutung mit كل منزلة من البناء „jegliches Bauabteil" erklärt; auf den Koran übertragen, bedeute سورة /sūra daher „Abteilung, Abschnitt", weil sie die aufeinander folgenden Textabschnitte des Koran voneinander trenne. Dieser Erklärung gibt der Lisān gegenüber den volksetymologischen Erklärungsversuchen anderer Philologen den Vorzug. Die wesentlichen Ergebnisse der abendländischen Koranforschung zur Ety-mologie von sūra gibt Paret in seinem Korankommentar zu Sure 24:1 (S. 358) wie folgt wieder: „Die Etymologie des Wortes sūra („Sure") ist umstritten. Nöldeke hält eine Ableitung aus hebräisch šūrā "Reihe" für wahrscheinlich, Bell eine Ableitung aus syrisch surṭā (ṣūrtā, sūrtā) „Schrift", „Schrifttext". Siehe Nöldeke, Neue Beiträge, S. 26; Gesch. des Qor. I, S. 30f.; Horovitz, Proper Names, S. 211f.; Bell, Origin of Islam, S. 52, Anmerkung und Introduction, S. 51f., 131; Jeffery, Foreign Vocabulary, S. 180-182." Unter den vorgenannten Erklärungen kam nur Bell der Wahrheit am nächsten mit der Vermutung, dass sūra eine Entlehnung aus syrisch atrwx / ṣūrtā sein könnte, nicht aus afrws / surṭā, dem auch Jeffery (S. 182) mutmaßend den Vorzug gibt: „The most probable solution is that is from the Syr. afrws a writing (n. 2: Bell, Origin, 52; the suggestion of derivation from atrbs preaching made by Margoliouth, ERE, x, 539, is not so near. Cf. Horovitz, JPN, 212), a word which occurs in a sense very like our English lines (PSm, 2738), and thus is closely parallel to Muḥammad's use of قرآن and كتاب , both of which are likewise of Syriac origin." Man könnte zwar die beiden syrischen Schreibungen afrws /surṭā und atrwx / ṣūrtā vordergründig für bloße emphatische Varianten halten, doch in Wirklichkeit unterscheiden sie sich nicht nur formal, sondern auch der jeweiligen Verbalwurzel nach. Die maskuline Form afrws / surṭā geht auf die Wurzel frs / sraṭ zurück, die sowohl der arabischen Metathesis سطر / saṭara (eine Linie ziehen, schreiben, aufschreiben) als auch der syrischen Variante xrt / traṣ (gerade sein, gerade machen)[12] entspricht. Die Femininform atrwx / ṣūrtā ist hingegen von der Verbalwurzel rwx /ṣwar (Variante ryx /ṣyar > rx /ṣār) (bilden, abbilden, zeichnen, aufzeichnen) ( > arabisch صوّر /ṣawwar [bilden, abbilden, zeichnen], صيّر /ṣayyar [machen, tun], صار /ṣār [werden]) abgeleitet und hat daher die Bedeutung von „Aufzeichnung = Niederschrift". Diese Bedeutung ist im Syro-Aramäischen im wohlbekannten Ausdruck btk trwx /ṣūraṯ kṯābḇ (Niederschrift des Buches = Text der Bibel)[13] reichlich belegt. Im Koran begegnet die Wurzel ṣwr 1x in der heute noch geläufigen Nomi-nalform صورة /ṣūra (Bild, Gestalt) (Sure 82:8), 4x im zweiten Verbalstamm in der Bedeutung „bilden = schaffen" (Sure 3: 6; 7: 11; 40: 64; 64: 3); in letzteren zwei Stellen ist die Wiederholung des syro-aramäischen Infinitivs (bzw. Verbalsubstantivs arwwx / ṣuwwārā) auf Grund der koranischen Defektivschreibung (صوركم /ṣwr-km) und der dem arabischen fremden Infinitivform für einen arabischen Plural gehalten worden. So lautet die kanonische Lesung an beiden Stellen: وصوركم فاحسن صوركم (wa-ṣawwara-kum fa-aḥsana ṣuwara-kum) „Er hat euch gebildet und eure Bilder schön gemacht"- statt ṣuwwāra-kum (nach der syro-aramäischen Infinitivbildung des Intensivstammes Paʿʿel). Nach dem arabischen Verbalparadigma müsste der Infinitiv lauten: وصوركم فاحسن تصويركم (wa-ṣawwara-kum fa aḥsana ta-ṣwīra-kum) „Er hat euch gebildet und euer Bilden [d.h. die Art und Weise wie er euch gebildet hat] schön gemacht"). Diese syro-aramäische Infinitivbildung ist bei einigen Substantiven im Arabischen erhalten, ohne dass die arabischen Philologen dies morphologisch erkannt hätten. Dazu gehört das gängige Wort كتاب / kuttāb (Schule, insbesondere Koranschule), dessen Form man für einen arabischen Plural von كاتب /kātib (Schreiber, Autor) halten würde, das aber das syro-aramäische Verbalnomen von katteb (= arabisch kattaba) getreu bewahrt hat, dem arabisch die Form تكتيب / ta-ktīb (= das Schreiben lassen) entspricht. Aramäisch verstanden, bezeichnet also kuttāb eine Schule, in der nicht nur das Lesen, sondern insbesondere das Schreiben gelehrt wird. Eine ähnliche Form bietet der Koran in Sure 108:1, in deren Überschriftالكوثر die Koranleser eine aramäische Nominalform vom Intensivstamm rtk / kattar (harren, fortbestehen) nicht erkennen konnten, weshalb sie auch aus dem medialen و /u, das nach aramäischer Orthographie als mater lectionis für kurzes u in geschlossener Silbe dienen kann (artwk / kuttārā) als Diphthong aw (kawṯar) verlesen haben. Hätte die morphologisch gleiche Formكتّب /kuttāb (defektiv geschrieben) ein و / u als mater lectionis für kurzes u (كوتب) gehabt, hätten die arabischen Leser diese ihnen fremde Schreibung nicht anders als kawtab (statt kuttāb) lesen können (so auch „kawṯar" statt „kuttār").[14]
3.2.2 EXKURS Um nun auf den koranischen Gebrauch der syro-aramäischen Wurzel ṣwr / ṣyr zurückzukommen, soll dem Wissbegierigen die außergewöhnliche Fehl-lesung und Fehlinterpretation einer zu dieser Wurzel gehörigen syro-ara-mäischen Form im Koran nicht vorenthalten bleiben. Thematisch handelt es sich um die berühmten „satanischen Verse", in de-nen die drei Göttinnen al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt (eigentlich Manwa) (Sure 53: 19-20) genannt werden. In der kanonischen Koranfassung werden die Verehrer dieser Gottheiten anschließend gefragt (Vers 21), ob es sich denn gezieme, dass sie sich selbst männliche Kinder wünschten, Gott aber weibliche Wesen zuwiesen? Daraus folgert der Koran (Vers 22): تلك اذا قسمة ضيزى (Kanonische Lesung): tilka iḏan qismatun ḍīzā Paret übersetzt (S. 53): „Das wäre eine ungerechte Verteilung". Dabei stellt Paret das unterstrichene Adjektiv nicht einmal in Frage, was er sonst bei zweifelhaften Ausdrücken regelmäßig tut. Eine dunkle Stelle vermag er hier (wie die anderen Koranforscher) nicht zu erkennen. Denn auch Blachère und Bell schöpfen bei diesem ungewöhnlichen Wort keinerlei Verdacht und übersetzen ebenso bedenkenlos: (Blachère, 561): „Cela, alors, serait un partage inique !" (Bell II, 541): „In that case it is a division unfair." Damit folgen die namhaften westlichen Koranübersetzer kritiklos der philologisch unhaltbaren Erklärungen der arabischen Kommentatoren und Lexikographen. Es wäre müßig, auf die im Arabischen nicht existierende Wurzel ḍaʾaza / ḍayaza einzugehen, so redlich sich auch Ṭabarī (XXVII, 60 f.) um die Erklärung dieser Fehllesung bemüht und sich dabei auf die klassischen arabischen Autoritäten beruft. Ein unwiderlegbares Argument ist dann für ihn ein Vers aus der (nachkoranischen) arabischen Poesie, in dem das verlesene koranische Wort in der erdachten Partizipialform مضئوز / maḍʾūz (ohne nähere Erklärung) vorkommt, und den sich Ṭabarī aus dritter Hand angeblich von al-Aḫfaš[15] vorsagen lässt. Die unterschiedlichen Lesarten, die Ṭabarī von manchen „Arabern" vernommen haben will, sind ebenso willkürlich wie die ersonnenen Bedeu-tungen. Schon was die Vokalisierung dieses sonderbaren Wortes angeht, sind sich die vermeintlichen „Araber" uneinig. So sollen die einen das koranische Wort ḍayzā, andere ḍaʾzā, und wiederum andere ḍuʾzā gesprochen haben. Da aber die Koranleser diese „dialektalen" Varianten nicht gekannt hätten, spricht sich Ṭabarī für die traditionelle Lesung ḍīzā aus, die er morphologisch für eine sekundäre Form des femininen Adjektivs ḍūzā hält. Widerlegt wird diese Erklärung allerdings vom berühmten Philologen al-Farrā' (aus Kūfā, gest. 822), den Ṭabarī zu Wort kommen lässt. Nach ihm könne ein feminines Adjektiv ḍayzā oder ḍūzā lauten. Die Aussprache ḍīzā sei nur beim Nomen möglich. Dabei hat al-Farrā' nicht erkannt, dass diese Form dem syro-aramäischen Partizip Passiv nach dem Schema pʿīl / pʿīlā entspricht. Zur Bedeutung dieses formal umstrittenen Wortes führt Ṭabarī zum koranischen Ausdruck „qismatun ḍīzā" folgende vier durch Traditionsketten gestützte Bedeutungen an: a) eine krumme Zuteilung; b) eine ungerechte Zuteilung; c) eine mangelhafte Zuteilung; d) eine widersprüchliche Zuteilung. Zu letzterer Deutung zitiert Ṭabarī Ibn Wahb, der Ibn Zaid erklären lässt, aḍ-ḍīzā bedeute im „Sprachgebrauch der Araber" der Widerspruch. Ṭabarī lässt aber einleitend alle vorzitierten Deutungen der „Araber" gelten. In der abendländischen Koranforschung scheint man sich indessen auf die Bedeutung „ungerechte Teilung" (englisch „unfair division", französisch „partage inique") geeinigt zu haben. Ungeachtet der Tatsache, dass dieses von Anfang an falsch gelesene und falsch verstandene Hapax legomenon im Koran sich im „Sprachgebrauch der Araber" nie durchgesetzt hat, glaubte Hans Wehr allen Ernstes, dass dieser für klassisch gehaltene Ausdruck in seinem „Arabischen Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart" nicht fehlen dürfte, zumal in der bisherigen Koranforschung keiner dessen Echtheit je angezweifelt hat. Und so bringt er unter der vermuteten (aber nicht genannten) Wurzel ḍyz die Redewendung „قسمة ضيزى qisma ḍīzā ungerechte Teilung", als wäre diese geradezu ein geflügeltes Wort geworden. Dabei ist jeder Araber befremdet, wenn er das absolut unarabisch klingende Wort ḍīzā hört, oder es löst bei ihm gar ein Kopfschütteln und ein verhaltenes Lächeln aus wegen der Assoziation, die dieses Wort in Anknüpfung an ein ähnliches, im Volksmund derb klingendes Wort bei ihm erweckt. Diese wie zahlreiche andere Fehllesungen im Koran führen die traditionelle Legende von einer „mündlichen Überlieferung" des koranischen Textes (die für manche Arabisten und Islamwissenschaftler als Dogma gilt), ad absurdum. Auch die in der islamischen Tradition dokumentierte Lesarten-Literatur ist kein Argument für eine mündliche Überlieferung, wie mancher Koranforscher meinen möchte, sie spricht vielmehr für eine redaktionelle Vielfalt.
3.2.3 Die Entschlüsselung des änigmatischen ضيزى / ḍīzā Die syro-aramäische Lesart des Koran wird an diesem Beispiel ihre Effizienz konsequent unter Beweis stellen. Hierzu brauchen wir uns bei ضيزى nur die zwei Oberpunkte wegzudenken, die von inkompetenter Hand nachträglich eingefügt wurden und zu dieser Fehllesung geführt haben. So bereinigt, ergibt der Schriftzug die Schreibung صيرى (unter Beibehaltung der koranischen Vokalisation): ṣīrā. Für einen Araber mag die Lesung ṣīrā nicht weniger fremd klingen als ḍīzā. Zu Recht. Denn er wird auf den ersten Blick die ihm geläufige Verbalwurzel ṣwr (bilden, zeichnen) deswegen nicht erkennen, weil ihm die Orthographie von صيرى völlig fremd erscheint. Tatsächlich lässt sich diese Orthographie morphologisch nur vom syro-aramäischen Verbalparadigma erklären. Danach bilden nämlich die Verba mediae w /y (wie auch die übrigen dreiradikaligen Verben) das Partizip Passiv vom ersten Stamm nach dem Schema pʿīl.[16] Die koranische Schreibung lässt demnach auf die syro-aramäische Wurzel rwx / ṣwar > rx /ṣār (bilden, zeichnen) schließen, der arabisch صور /ṣwr entspricht. Da aber im Arabischen der erste Verbalstamm nur noch in der kontrahierten Sekundärform صار / ṣāra (Grundbedeutung werden) gebräuchlich ist, konnte auf die Wurzel صور / ṣwr (Grundbedeutung bilden) nicht geschlossen werden, zumal diese nur noch im zweiten und fünften arabischen Verbalstamm (ṣawwara / ta-ṣawwara) (bilden, zeichnen / sich vorstellen, sich einbilden) gebräuchlich ist. Zur Entschlüsselung der ungewöhnlichen arabischen Schreibung von صيرى / ṣīrā erweist sich daher die syro-aramäische Grammatik als unentbehrlicher Schlüssel.[17] So gibt uns der Thesaurus (II, 3384) unter der syro-aramäischen Partizipialform aryx / ṣīrā (im Status emphaticus) die arabische Entsprechung mit مصوّر / mu-ṣawwar wieder. Semantisch gibt uns Mannā (632b) zu rx (ṣār) die hier zutreffende arabische Bedeutung unter (4) wieder: تصوّر (ta-ṣawwara), تخيّل (ta-ḫayyala) „sich vorstellen, sich einbilden". Fazit: Am Beispiel des falsch gelesenen und falsch gedeuteten Wortes ضيزى / ḍīzā erweist sich das Syro-Aramäische sowohl morphologisch als auch semantisch als unabdingbare Voraussetzung zur Klärung eines bisher nicht als „dunkel" erkannten Ausdrucks im Koran. Danach ist der in Sure 53: 22 bisher so verlesene und missdeutete Schriftzug: تلك اذا قسمة ضيزى (kanonische Lesung): tilka iḏan qismatun ḍīzā (bisheriges Verständnis): „Das wäre eine ungerechte Verteilung", nunmehr so zu lesen: تلك اذا قسمة صيرى (neue Lesung): tilka iḏan qismatun ṣīrā [18] und so zu verstehen: „Dies (ist) also eine erdichtete[19] Zuteilung". Ins heutige Arabisch übertragen, wäre dieser Vers so zu verstehen: تلك اذا قسمة مصوّرة = مخيّلة = خيالية tilka iḏan qismatun mu-ṣawwara = mu-ḫayyala = ḫayālīya
3.2.4 Zur koranischen Schreibung von سورة /sūra Nach Erörterung des Wortfeldes der Wurzel صور / ṣwr im Koran kommen wir abschließend zu der koranischen Schreibung von سورة /sūra (mit سـ /s) gegenüber der syro-aramäischen Schreibung atrwx / ṣūrtā (mit empha-tischem ص / ṣ). Der Wechsel zwischen dem stimmlosen Sibilanten س /s und dem em-phatischen ص / ṣ ist im Semitischen keine Seltenheit. Man denke an syro-aramäisch rbys /saybar (erdulden, ertragen) und arabisch صبر / ṣabara (geduldig sein, ausharren). Bekannt ist auch die fakultative Schreibung des koranischen صراط / ṣirāṭ (Linie, Weg) mit ṣ oder mit s سراط / sirāṭ, hier allerdings, durch das emphatische ط / ṭ bedingt, ohne phonetischen Unterschied. Im Falle von sūra gibt der Lisān (IV, 387a) einen interessanten Hinweis auf die Bewohner von Basra (im heutigen Süd-Irak), die den Plural von سورة /sūra und صورة / ṣūra gleich bildeten, wenn auch ohne nähere Angabe zu einem etwaigen Sinnunterschied. Es dürfte aber kein Zufall sein, dass wir den entscheidenden Beleg für die Schreibung von sūra mit س /s statt mit ص / ṣ gerade im südlichen Babylonien finden, nämlich im Mandäischen. So liefert uns das mandäische Lexikon[20] folgenden Beleg (S. 323b): „sura 2 for ṣura ? in surh udmuth d-gabra Gy 391:6 the image (?) and likeness of a man." Das Fragezeichen erübrigt sich. Der Koran liefert uns einen weiteren Beweis dafür, dass in Mesopotamien das Wort sūra alternativ mit س /s oder ص / ṣ geschrieben werden konnte. Der überraschende mandäische Beleg bringt zudem ein Detail mehr für die These, dass der koranische Text im ostsyrisch-mesopotamischen Raum entstanden ist. Religionshistorisch von Belang ist schließlich die Frage, wie es dazu kam, dass der Koran seinen Text mit sūra bezeichnet. Die Antwort wurde oben (Anm. 13) vorweggenommen: unde atrwx (ṣūrtā) etiam sine btk (kṯāb) valet textus Scripturarum, B.O.iii. i. 87, 97, 153, 166, 174, 261; atrwx (ṣūrtā) "Vetus et Novum Testamentum," Ass. C.B.V. iii. 280 ult.; Danach bezeichnet das Wort atrwx / ṣūrtā (> arabisch صورة / ṣūra = سورة /sūra = Niederschrift) in der christlich-syrischen Tradition, wie die „Schrift" für die „Bibel", den gesamten Text des Alten und Neuen Testaments. Mit dem Begriff sūra versteht sich also der Koran ursprünglich, wie er es wiederholt zum Ausdruck bringt, als teilweise Wiedergabe der syrischen atrwx / ṣūrtā, nämlich: der „Schrift" = der „Bibel". Dass der Koran aber mit sūra seine einzelnen Texteinheiten meint, ändert nichts an seiner Grundkonzeption, wonach er sich als Teil der biblischen Ganzschrift verstanden wissen wollte. 3.3 اية / āya < ata / āṯā Als dritter Rahmenbegriff bezeichnet schließlich das Wort اية / āya das kleinste Element der koranischen sūra (= Niederschrift, Text, Wortlaut): den einzelnen Buchstaben. Wenn Gott im Koran von seinen ايات /āyāt (im Plural) spricht, so meint er damit den Inhalt der Schriftzeichen, die seine aufgezeichneten, niedergeschriebenen Worte bilden, so dass āya (das im Syrischen auch Wunderzeichen bedeutet) zum Synonym zu كلمة اللـه / kalimat Allāh, zum „Wort Gottes" schlechthin geworden ist. Daher auch der wiederholte Gebrauch von اللـه ايات / āyāt Allāh (die Schriftzeichen Gottes) im Koran.[21] Eine Innovation ist die Anwendung von اية / āya im Sinne von „Vers" zur Bezeichnung der von der späteren islamischen Tradition (nach biblischem Vorbild) eingeführten Einteilung der koranischen Suren in einzelne Satzabschnitte. Spricht aber der Koran von ايت محكمت / āyāt muḥkamāt und واخر متشبهت / wa-uḫar mutašābihāt in Sure 3:7, so meint er damit nicht "bestimmte und mehrdeutige Verse" im modernen Sinne, wie Paret (44) übersetzt, sondern „präzise, getreue" bzw. (nach syro-aramäischem Verständnis) „wohlbekannte, der Mutterschrift (= der Bibel entsprechende) Textabschnitte und andere (nicht kanonische, diesen aber inhaltlich) vergleichbare (Abschnitte)".[22] 3.3.1 Zur Etymologie von اية / āya Eher als von hebräisch אות / ōṯ hält es A. Jeffery[23] unter Verweis auf A. Mingana für wahrscheinlicher, dass die Araber dieses Fremdwort von den syrischsprechenden Christen übernommen haben. Doch auch dem Ostsyrer Mingana scheint nicht aufgefallen zu sein, dass syrisch ata / āṯā[24] im koranischen rasm nicht اية / āya (nach traditioneller Aussprache), sondern اثة / āṯa lauten müsste. Er konnte aber deswegen nicht daran zweifeln, weil die koranische Fehllesung schon längst ins christliche Arabisch übernommen wurde, namentlich in die arabische Bibelübersetzung. Kein Wunder also, dass auch namhafte deutsche Semitisten wie Th. Nöldeke,[25] C. Brockelmann,[26] W. Gesenius [27] wie auch der Thesaurus[28], um nur diese zu nennen, in der koranischen Fehllesung اية / āya ohne den geringsten Verdacht die etymologisch adäquate klassisch-arabische Entsprechung des syro-aramäischen bzw. hebräischen Begriffs gesehen haben. Doch das Fehlen dieses Ausdrucks in den arabischen Dialekten macht dessen unmittelbare Entlehnung aus dem Syro-Aramäischen im Koran, wie es A. Jeffery richtig vermerkt,[29] besonders deutlich. Was aber A. Jeffery abschließend zu dessen Vorkommen in der sogenannten altarabischen Dichtung angeht,[30] so wäre diese entweder nachkoranisch, oder das Wort wäre bei dessen Verschriftlichung im 9./10. Jahrhundert ebenso verlesen worden wie im Koran, was in beiden Fällen einer mündlichen Überlieferung widerspräche. Den Beleg für die Aussprache اثة / āṯa liefert uns zunächst der Koran selbst. Die Koranforscher in Ost und West haben nämlich bisher übersehen, dass der Koran die etymologisch richtige Schreibung der Pluralform (nach syro-aramäischer Aussprache) in Sure 19:74 erhalten hat. Dort heißt es nämlich (nach kanonischer Lesung) : وكم اهلكنا قبلهم من قرن هم احسن اثثا وريا wa-kam ahlaknā qablahum min qarnin hum aḥsanu aṯāṯan wa-riʾya (Paret, 252): "Aber wieviele Generationen haben wir vor ihnen zugrunde gehen lassen, die besser ausgestattet waren und mehr vorstellten (als sie)!" Die beiden Ausdrücke اثثا /aṯāṯan und ريا / ri'yā (eigentlich ru'yā) sind Synonyme, die einander erklären. Während اثثا / aṯāṯan die syro-aramäische Pluralform atw\ta / āṯwāṯā (nach Schwund des unbetonten medialen Halbvokals w vor dem betonten langen ā > āṯāṯā)[31] in kontrahierter Form wiedergibt, ist ريا / ri'yā (ru'yā) eine Lehnübersetzung aus syro-aramäisch atzj / ḥzāṯā. Für beide Ausdrücke gibt Mannā die folgenden arabischen Entsprechungen an: a) (S. 46a): ata / āṯā (unter 8): عبرة /ʿibra (Beispiel, Vorbild); b) (S. 230b): atzj / ḥzāṯā (neben der Grundbedeutung Sehen, Sicht, Aussehen, unter 4): قدوة . مثال . عبرة / qudwa, miṯāl, ʿibra (Muster, Beispiel, Vorbild). Nach den 14 von Ṭabarī (XVI, 117 ff.) zitierten Überliefererketten werden die vorgenannten Ausdrücke von den traditionellen Kommentatoren wie folgt erklärt: a) اثاث /aṯāṯ bedeute Besitz bzw. Ausstattung (daher „Mobiliar" im modernen Arabisch), b) mit ريا / riʾyā (ruʾyā) sei das Aussehen gemeint. Die arabischen Philologen seien sich allerdings nicht einig darüber, ob es sich bei اثاث / aṯāṯ um einen Singular oder einen Plural handelt. Während al-Aḥmar die Meinung vertrat, es sei ein Plural, dessen Singular اثاثة / aṯāṯa sei, sah al-Farrā' darin eine Art Kollektiv und meinte, davon gäbe es keinen Singular; würde nämlich اثاث / aṯāṯ einen Plural bilden, erklärte er ferner, würde dieser آثة / āṯṯa bzw. أثث / uṯuṯ lauten. Der Lisān (II, 110 f.) konnte (auf Grund der koranischen Autorität) nicht umhin, aus diesem dunklen Wort eine im Arabischen nicht existie-rende Verbalwurzel أثث / aṯaṯa abzuleiten, die er mit der gleichlautenden Wurzel mit der Grundbedeutung „viel sein"[32] ansetzt und hierzu Redensarten bringt, die phraseologisch mit dem koranischen Lehnwort nichts zu tun haben. Auf Grund der mutmaßenden und unschlüssigen Erklärungen der arabischen Kommentatoren und Philologen hat Paret, im Gegensatz zu Blachère und Bell, die beiden erörterten Ausdrücke aus Sure 19:74 als dunkel erkannt. Im Vertrauen auf Ṭabarī übersetzen die letztgenannten den zitierten Vers wie folgt: (Blachère, 335): „Combien [pourtant], avant eux, avons-Nous fait périr de générations qui en imposaient davantage par les biens et l'apparence ? (Bell, I, 290, 75) : „But how many a generation have We destroyed before them, better both in goods and in repute !" Die dargelegte philologische Analyse hat methodologisch gezeigt, dass beide dunklen Wörter dank der syro-aramäischen Lesart durch zwei verschiedene Schritte geklärt werden konnten: a) morphologisch konnte اثاث / āṯāṯ als sekundäre aramäische Pluralform, semantisch in der Bedeutung "Vorbilder" geklärt werden; b) durch Rückübersetzen ins Syro-Ara-mäische konnte die Bedeutung des arabischen ريا /ruʾyā im koranischen Kontext über die Semantik des lexikalisch entsprechenden syro-aramäischen Ausdrucks als Synonym des vorhergehenden koranischen Wortes erschlossen werden. Auf Grund dessen ist der missverstandene Vers 74 aus Sure 19 nunmehr so zu lesen: wa-kam ahlaknā qablahum min qarnin hum aḥsanu āṯāṯā wa-ruʾyā und so zu verstehen: „Wieviele Generationen vor ihnen haben wir zugrunde gehen lassen, die (vergleichsweise) bessere Vorbilder und (geradezu) beispielhaft (wörtlich: Beispiel) waren!" 3.3.2 Konjektur von اية / āya in اثة / āṯa Es mag auf den ersten Blick zu gewagt erscheinen, das im Koran in Sure 19:74 richtig überlieferte syro-aramäische Hapax legomenon اثثا / āṯāṯā (< atw\ta / āṯwāṯā) zur Grundlage dafür zu machen, an nicht weniger als 382 Koranstellen die seit Jahrhunderten durchgesetzte und nicht nur in der islamischen Welt eingebürgerte Lesung اية / āya (in Singular und Plural, mit und ohne Personalsuffix) in اثة /āṯa ändern zu wollen. Doch die Tatsache, dass dieses Wort im Arabischen keine Wurzel hat wie auch die zahlreichen anderen nachgewiesenen Fehllesungen im Koran (darunter echte arabische Wörter) schließen eine nachträgliche inkompetente Setzung der diakritischen Punkte bei diesem Fremdwort nicht aus. Es soll dennoch nicht voreilig auf eine irrige Lesung geschlossen werden, ohne zuvor das syro-aramäische Wortfeld sorgfältig analysiert zu haben. Legen wir zunächst die koranische Pluralform اثثا / āṯāṯā (< atw\ta / āṯwāṯā) zugrunde, so würde die syro-aramäische Singularform ata /āṯā = arabisch اثة /āṯa und nicht اية /āya lauten. Wird demgegenüber erwogen, ob nicht vielleicht die Pluralform اثثا/āṯāṯā verlesen ist, so ist diese Eventualität morphologisch auszuschließen, weil der äußere (regelmäßige) feminine Plural im Arabischen kein End-alif (ā) annehmen darf. Wollte man nämlich in der koranischen Schreibung اثثا einen arabischen Akkusativ der Spezifikation (tamyīz) sehen (etwa اياتا / āyātan statt āṯāṯā), so wäre das End-ā nicht zulässig. Die koranische Orthographie gibt daher die syro-aramäische Pluralform mit End-ā getreu wieder. Zieht man weitere syro-aramäische Derivate aus dem ursprünglichen Verbum awh /hwā (sein), das hier anzusetzen ist, heran, so lassen sich aus den primären Nominalbildungen folgende Formen feststellen (Thes. I, 987 f.): aywh / hwāyā (existentia, nativitas, generatio, creatio); atwywh /hwāyūṯā, atwnywh / hawyānūṯā (creatio, ductio ad existentiam); aus der im Neusyrischen belegten Form atywh /hwāytā (creatio, formatio) ist eine nicht belegte Nebenform *atywh/ hwīṯā (> arabisch هوية / huwīya (dia-lektal hawīya) [Wesensart, Identität]) anzunehmen. Aus dieser ist durch Lautverschiebung der Existenzausdruck tya / īṯ (*atywh / hwīṯā > *atya / īṯā > tya / īṯ) und die weitere Nebenform aty/ yāṯā (essentia, existentia, natura) entstanden. Für die syrische emphatische Form aytya / īṯyā bzw. *atya / īṯā ist als Status absolutus im Reichsaramäischen īyā anzusetzen. Diese Form ist als إيا / īyā ins Arabische eingegangen und wird als bloße Partikel [33] in Verbindung mit dem Personalsuffix zur Bezeich-nung des Akkusativs gebraucht, so in Sure 1:5: اياك نعبد واياك نستعين / īyāka naʿbudu wa-īyāka nastaʿīn (Dich beten wir an und Deinen Beistand erbitten wir). Dialektal wird إيا / īyā in Verbindung mit dem Personalsuffix präpositional (nach der Konjunktion و /w) im Sinne von und / mit gebraucht (so z.B. أنا وايّاك / anā w-īyā-k : ich und „dein Wesen" = ich und du / ich mit dir). Von dieser Partikel إيا / īyā kann das Substantiv آية /āya aber nicht abgeleitet sein. Ein Substrat aus der syrischen Nebenform aty/ yāṯā (Wesen, Wesenheit, Sein, Dasein) (> arabisch yāt) findet sich zwar im heutigen Umgangs-arabischen des Vorderen Orients in Verbindung mit kull / k@ll (Gesamtheit = alle) wie folgt: kull + yāt + nā = kullyātnā (wörtlich: die Gesamtheit unseres Wesens = wir alle), kull + yāt + kon = kullyātkon (ihr alle), kull + yāt + (h)on = kullyāt(h)on (sie alle); in nordmesopotamischen Dialekten auch kontrahiert: k@ll@tnā (wir alle), k@ll@tk@n (ihr alle), k@ll@t@n (sie alle); doch von diesem yāt findet sich in der arabischen Literatur keine Spur. Es ist also kaum anzunehmen, dass die hypothetische koranische Lesung آية /āya von der syrischen Nebenform aty/ yāṯā oder gar vom dialektalen arabo-aramäischen yāt abgeleitet sein könnte. Nicht nur aus diesen Erwägungen kann geschlossen werden, dass die Unterpunkte bei آية /āya im Koran an 382 Stellen falsch gesetzt sind. Eine Überprüfung des koranischen Gebrauchs von آية /āya zeigt, dass je nach Kontext die gleichen semantischen Nuancen vorkommen wie beim syro-aramäischen ata / āṯā.[34] So z.B. in Sure 3:41, wo Zacharias Gott um ein „Zeichen" (آية /āya) für das bittet, was Gott ihm verkündet hat, nämlich die Geburt des Johannes, und Gott ihm als „Zeichen" ankündigt, er werde drei Tage lang mit den Menschen nur per Zeichensprache (رمزا /ramzan < syro-aramäisch azmr / rmāzā, remzā - Lk 1:22) kommunizieren. In der Peshitta (der syrischen Bibelversion) gibt der Engel den Hirten auch ein „Zeichen" (ata / āṯā), das darin besteht, dass sie ein in Windeln ein-gewickeltes Kind in einer Krippe liegend finden werden (Lk 2:12). Eine typische Lehnübersetzung finden wir jedoch in Sure 17:12 in den Ausdrücken اية اليل /āyat al-layl und اية النهار / āyat an-nahār, die Paret (228) wörtlich mit „Zeichen der Nacht" und „Zeichen des Tages" über-setzt. Obwohl der Sinn klar ist, sind diese Ausdrücke dem Arabischen fremd geblieben. Im Syro-Aramäischen bezeichnet aber atw\ta /āṯwāṯā (Zeichen) u.a. die Himmelskörper (vgl. deutsch Zeichen = Sternzeichen, Tierkreiszeichen), darunter „Mond" und „Sonne".[35] Durch den Nachweis solcher Lehnübersetzungen wird besonders deutlich, dass der Koran mit der Transkription der syro-aramäischen Ortho-graphie ata / āṯā arabisch اثة / āṯa meinte und nicht das später falsch punktierte und falsch gelesene اية / āya, zumal dieses Wort in dieser Aus-sprache in keinem arabischen Dialekt bekannt ist. Die Konjektur von اية / āya in اثة / āṯa ist daher philologisch und sprachhistorisch begründet. Der Plural lautet demnach nicht mehr آيات /āyāt, sondern آثات / āṯāt bzw. (ge-mäß der aramäischen Spirantisierung des End-t und entsprechend der in Sure 19:74 getreu überlieferten Form) آثاث / āṯāṯ. Zwei weitere Koranstellen wären hinzuzufügen, deren Schriftzüge in gleicher Weise verlesen sind. In Sure 44:36 heißt es: فاتوا بابائنا ان كنتم صدقين fa-'tū bi-ābā'inā in kuntum ṣādiqīn Dieser Vers wird von den Koranübersetzern so verstanden, wie ihn Ṭabarī (XXV, 128) kurz erklärt: (Paret, 414): „Bringt doch unsere (verstorbenen) Väter (wieder) herbei, wenn (anders) ihr die Wahrheit sagt!" (Blachère, 527): „Faites revenir nos pères, si vous êtes véridiques ! " (Bell, II, 500, 35): „Produce our fathers, if ye speak the truth." Dabei geht es im koranischen Kontext um Zweifler, die Beweise für die Auferstehung am Jüngsten Tag für sich selbst fordern, und nicht um die sofortige Rückkehr ihrer verstorbenen Väter bitten, von denen hier gar keine Rede ist. Der verlesene Schriftzug بابائنا / bi-ābā'inā wäre nach bisheriger Fehllesung باياتنا / bi-āyātinā, nunmehr aber باثاتنا / bi-āṯātinā (bzw. aramäisch باثاثنا / bi-āṯāṯinā) zu lesen und so zu verstehen: „So bringt (doch) die uns (überzeugenden) Beweise (wörtlich: unsere Beweise),[36] wenn ihr die Wahrheit sprecht ! " Entsprechend ist der in Sure 45:25 gleichermaßen falsch punktierte Schriftzug wie folgt richtigzustellen: واذ تتلى عليهم اثـتـنا بينت ما كان حجتهم الا ان قالوا ايتوا باثـتـنا ان كنتم صدقين wa-iḏ tu-tlā ʿalayhim āṯātunā bayyināt(in) mā kāna ḥuǧǧatuhum illā an qālū aytū [37] bi-āṯātinā in kuntum ṣādiqīn Bisheriges Verständnis: (Paret, 417): „Und wenn ihnen unsere Verse [w: Zeichen] als klare Beweise (baiyināt) verlesen werden, haben sie keinen anderen Beweisgrund (anzuführen), als daß sie sagen: ‚Bringt unsere (verstorbenen) Väter (wieder) herbei, wenn (anders) ihr die Wahrheit sagt!'" (Blachère, 531): „Quand Nos claires aya leur sont communiquées, ils n'ont d'autre argument que d'objecter : « Ramenez-nous nos pères, si vous êtes véridiques ! »" (Bell, II, 505, 24) : „And when Our signs are recited to them as Evidences, their only argument is: "Produce our fathers, if ye speak the truth." Neues Verständnis: „Und wenn unsere Schriftzeichen (d.h.: unsere niedergeschriebenen Worte) ihnen erläuternd [38] vorgetragen werden, haben sie keine andere Einwendung, als dass sie sagen: ‚Bringt (doch) die uns (überzeugenden) Beweise (wörtlich: unsere Beweise), wenn ihr die Wahrheit sprecht ! " Mit den beiden Konjekturen in Sure 44:36 und 45:25 sind es insgesamt 384 Stellen, die im Koran bei ein und demselben Schriftzug (plene und defektiv geschrieben) verlesen sind. Beträgt aber der Koran nach der geltenden Kairiner Verszählung inzwischen bis zu 6.236 Verse, die mit dem verlesenen Wort „āya" bezeichnet werden, kann man sich vorstellen, wie schwer es sein würde, die neue Lesung „āṯā" durchzusetzen. Um der Rea-lität Rechnung zu tragen, wird man sich deswegen damit bescheiden müssen, mit der traditionellen Fehllesung zu leben, sie aber als sprachhistorischen Irrtum zu erklären. Denn schließlich stört sich auch kein Sprachhistoriker mehr an dem Umstand, dass das Wort Qur'ān eine willkürliche Entstellung des ursprünglich syro-aramäischen Qeryān ist. [1] aṭ-Ṭabarī, Abū Ǧaʿfar Muḥammad b. Ǧarīr, Ǧāmiʿ al bayān ʿan taʾwīl āy al-Qurʾān (Korankommentar), 30 Teile in 12 Bd., 3. Aufl., Kairo 1968, I, S. 86-96.
[2] Der Koran, hrsg. von Rudi Paret, Wege der Forschung Band CCCXXVI, Darmstadt 1975. [3] Einen Nachtrag jüngeren Datums hat James A. Bellamy seinem Artikel „Some Proposed Emendations to the Text of the Koran", JAOS 13 (1993), 562-573, unter 12. mit der Überschrift "Again the Mysterious Letters" beigefügt (s. Wiedergabe in What the Koran Really Says, Language, Text and Commentary, edited with translations by Ibn Warraq, Prometheus Books, Amherst, New York, 2002, S. 508-510). [4] Paret, op. cit., II, 330-335 ; ZDMG 75 (1921), S. 1-20. [5] Paret, op. cit., 336-373 ; Der Islam. Zeitschrift für Geschichte und Kultur des islamischen Orients. 13 (1923), S. 191-226. [6] Theodor Nöldeke, Geschichte des Korans. 2. Aufl. von F. Schwally II, Berlin 1919, 68 f. [7] Paret, op. cit., 374-378 ; Akten des 24. Internationalen Orientalisten-Kongresses; München vom 28. August bis 4. September 1957. Hrsg. von Herbert Franke. Deutsche Morgenländische Gesellschaft; Wiesbaden: Franz Steiner Verlag in Komm. (1959), S. 276-279. [8] Paret, op. cit., 379-385 ; Studia Islamica 16 (1962), pp. 5-11. [9] Encyclopedia Britannica (9th ed.), article on the „Koran". [10] Siehe hierzu Arthur Jeffery, The Foreign Vocabulary of the Qur'ān, Baroda, 233 f. [11] Christoph Luxenberg, Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, Berlin 2000, 54 ff.; 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Berlin 2004, 81 ff.; 3. Aufl., Berlin 2007, 83 ff. [12] Vgl. deutsch Trasse, Trassee aus französisch tracer (eine Linie ziehen), angeblich aus dem Vulgärlatein < lateinisch tractum; die lautliche Nähe von tracer zu syro-aramäisch traṣ (mit gleichem semantischen Inhalt) müsste ebenso ein Zufall sein wie die syro-aramäische Metathesis afrs (srāṭā /Linie) > koranisch صراط / سراط (ṣirāt/ sirāṭ) zu lateinisch strata ; siehe hierzu die etymologische Neu-deutung des Autors in der englischen Ausgabe The Syro-Aramaic Reading of the Koran. A Contribution to the Decoding of the Language of the Koran, Berlin 2007, S. 226 ff. (bei A. Jeffery, Foreign Vocabulary, 195 f.). [13] Mannā, 633b; Thesaurus Syriacus (Thes.) II, 3386 penult., Spec. btk trwx (ṣūraṯ kṯāb) textus, btk trwxb (b-ṣūraṯ kṯāb), Eus. Hist. Eccl. iii. 37 (38); (3387) atdjdw atqyt[d btk trwx hSlk (kullāh ṣūraṯ kṯāb d-ʿattiqtā w-ḏaḥḏattā) totus textus Veteris et Novi Test. (der gesamte Text des Alten und des Neuen Testaments), Chr. Eccl. § ii. 215; ib. 481...; unde atrwx (ṣūrtā) etiam sine btk (kṯāb) valet textus Scripturarum, B.O.iii. i. 87, 97, 153, 166, 174, 261; (ṣūrtā) "Vetus et Novum Testamentum," Ass. C.B.V. iii. 280 ult.; afslgn\wad atrwx (ṣūrtā ḏ-ewangelisṭē) textus evangeliorum, Syn. ii. Eph. 149. 2.
[14] Näheres zu dieser Schreibung siehe The Syro-Aramaic Reading of the Koran, S. 295 f., insbesondere Anm. 353. [15] Es handelt sich um den Beinamen von drei namhaften arabischen Philologen: der früheste gest. 793, der mittlere gest. 830, der jüngste gest. 920. [16] Die im Arabischen bei Adjektiven und Substantiven vielfach bezeugte Form فعيل / faʿīl ist wohl zu einem früheren Zeitpunkt in einem aramäischen Sprachumfeld entstanden. Denn diese Form gehört nicht zum arabischen, sondern zum aramäischen Verbalparadigma. Das Partizip Passiv des ersten Verbalstammes bildet das Arabische bekanntlich mit einem m-Präfix auf مفعول / ma-fʿūl. Die arabischen Philologen haben allerdings die entsprechende Bedeutung der Form فعيل / faʿīl gelegentlich je nach Kontext erkannt. So erklärt der Lisān diese Form des öfteren mit: فعيل بمعنى مفعول / faʿīl im Sinne von ma-fʿūl. [17] Siehe Carl Brockelmann, Syrische Grammatik, Paradigma der Verba med. und, Part. pass., S. 142. [18] Wenn al-Farrā' eine solche Form nur auf Nomina eingeschränkt wissen wollte, so mag er an ein arabisches Substantiv wie ميزة /mīza (Auszeichnung, Eigenschaft) gedacht haben. Dabei konnte er nicht erkennen, dass auch dieses Wort ein substantiviertes Partizip Passiv ist nach dem syro-aramäischen Paradigma und dass es sich insoweit morphologisch vom koranischen Partizipialadjektiv صيرى /ṣīrā nicht unterscheidet. [19] Dieses Verständnis wird im nachfolgenden Vers 23 bestätigt, der ein Kommentar zu den Versen 19-22 zu sein scheint. Darin heißt es: „Das sind ja nichts als Namen, die ihr und eure Väter genannt habt, bezüglich derer Gott keinerlei Autorität (durch eine offenbarte Schrift) herabgesandt hat. Sie (die angesprochenen Menschen) folgen (darin) ausschließlich (ihrer) Mutmaßung (الظن / aẓ-ẓann) und dem, was die Seelen (d.h. ein jeder nach eigenem Empfinden, Gutdünken) sich ausdenken. Dabei haben sie von ihrem Herrn die rechte Leitung (die rechte Lehre) erhalten" (wörtlich: Dabei ist die rechte Leitung zu ihnen gekommen). Die Redewendung ما تهوى الانفس /mā tahwā l-anfus ist ein Aramaismus und geht zurück auf syro-aramäisch Ywha /a-hwī (schaffen, erfinden) und acpn / našā (Seele) in der Bedeutung „das, wonach es einen gelüstet" = Begehren, Gutdünken (s. Mannā, 460a zu acpn / našā, unter (5): شهوة . رغبة / šahwa, raġba). Danach hat der anonyme Kommentator (in Vers 23) das in der kanonischen Koranausgabe verlesene Wort (ضيزى / ḍīzā) in Sure 53:22 seinerzeit syro-aramäisch (ṣīrā) richtig gelesen und richtig verstanden, was Ṭabarī und die Autoritäten, auf die er sich beruft, übersehen haben. [20] A Mandaic Dictionary, by E. S. Drower and R. Macuch, Oxford 1963. [21] Die von A. Jeffery, Foreign Vocabulary, 73, Anm. 1, angegebene Stelle in Daniel iii, 33 zum Gebrauch von biblisch-aramäisch אָת (āṯ) im Sinne von "a sign wrought by God" trifft nicht zu. Der Doppelausdruck āṯōhī w-ṯimhōhī (Peshitta: āṯwāṯeh w-ṯeḏmrāṯeh) ("seine Zeichen und seine Wunder") macht im biblischen Kontext die Bedeutung von אָת (āṯ) im Sinne von "Wunderzeichen" deutlich. [22] Näheres hierzu s. The Syro-Aramaic Reading of the Koran, 106 ff. [23] Foreign Vocabulary, 72 f. [24] Eine jüngere Diminutivform von ata /āṯā scheint atwta / āṯūṯā (Buchstabe, Zeichen) zu sein; siehe hierzu Th. Nöldeke, Kurzgefasste syrische Grammatik, 78, Diminutiva, § 134: „Vergl. ferner § 112, sowie die durch Wiederholung des 3. Rad. gebildeten Diminutiva § 122." Zu den folgenden, von Nöldeke genannten Beispielen wäre atwta / āṯūṯā hinzuzufügen. Nicht auszuschließen wäre aber auch die Möglichkeit, dass dieses Wort eine jüngere Rückbildung ist aus der Pluralform atw\ta / āṯwāṯā. [25] Mandäische Grammatik, S. 110 mitte. [26] Lexicon syriacum, S. 53b. [27] Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch, S. 19b. [28] Thesaurus syriacus, I, 412. [29] Op. cit., 72: „The struggles of the early Muslim philologers to explain the word are interestingly set forth in LA, xviii, 66 ff. The word has no root in Arabic, and is obviously, as von Kremer noted [n. 6: Ideen, 226 n.; see also Sprenger, Leben, ii, 419 n.; Cheikho, Naṣrānīya, 181; and Margoliouth, ERE, x, 539], a borrowing from Syr(iac). or Aram(aic)." [30] Op. cit., 73: „The word occurs in the old poetry, e.g. in Imrū'ul-Qais, lxv, 1 (Ahlwardt, Divans, 160), and so was in use before the time of Muḥammad." [31] Auf solche wohl im Gemeinaramäischen durch Kontraktion von steigenden Diphthongen entstandene Pluralformen, wie wir sie im Arabischen vorfinden, hat bereits Franz Praetorius (in ZDMG 56, 1902, 688 f.) aufmerksam gemacht. Diese zutreffende Beobachtung war seinerzeit auf die negative Kritik Th. Nöldekes gestoßen, der in seinen Beiträgen zur semitischen Sprachwissenschaft (Strassburg 1904, 55, unter II) dazu wie folgt Stellung genommen hatte: "Wenig Zustimmung dürfte Praetorius finden bei seiner Identifizierung von (klassisch-arabisch) رعاة (ruʿāt), أساة (ʾusāt), سقاة (suqāt) mit (syro-aramäisch) atw[R (rāʿawwāṯā), atws\a (āsawwāṯā), atw\qc (šāqawwāṯā) (Hirten, Heiler /Ärzte, Schenken)..." Dabei zeigte Nöldeke, dass ihm diese Lautverschiebung durch Kontraktion nicht aufgefallen war, wie es seine folgende Argumentation zeigt. Richtig ist allerdings, dass eine Zwischenstufe zwischen der klassisch-syrischen und der arabischen Form vorauszusetzen ist, die die unmittelbare Vorstufe zu der arabischen Form gewesen sein muss. Ausgehend von der klassisch-syrischen Form kann man sich demnach die dreistufige Lautverschiebung am Bsp. von رعاة (ruʿāt) wie folgt vorstellen: a) syrisch rāʿawwāṯā > b) ge-meinaramäisch *rāʿwāṯā > c) arabisch ruʿāt. Letzterem Schema entspricht auch regelrecht der Übergang von syro-aramäisch atw\ta / āṯwāṯā (Zeichen, Buchstaben) zu koranisch-arabisch (in Pausalform) اثاث /āṯāṯ (also: āṯwāṯ > āṯāṯ). [32] Die im Arabischen fremd klingende Verbalwurzel أثث / aṯaṯa geht offensichtlich auf die syro-aramäische Variante tty / yatteṯ (Mannā, 319a: كوّن . اوجد . ابدع / kawwana, awğada, abdaʿa [bilden, schaffen, hervorbringen]) zurück; diese scheint wiederum eine sekundäre Denominativbildung vom „Existenzausdruck" tya / īṯ bzw. ty / yāṯ zu sein; dafür spricht der Bezug im Lisān (II, 110b) auf eine „üppige, dichte" Vegetation, wie in einem Vers von Imru' al-Qays (أثيث / aṯīṯ) bezeugt, was wiederum dem von Mannā (319a) zitierten syro-aramäischen Adjektiv atyty / yattīṯā bzw. yaṯīṯā (üppig) genau entspricht. Die weiteren Beispiele, die der Lisān zitiert, bestätigen die Herkunft dieser Wurzel vom Syro-Aramäischen und bezeugen einmal mehr, dass das „Altarabische" dem Aramäischen viel näher stand, als manche Arabisten heute wahrhaben wollen. [33] Der Lisān (XIV, 61b f.) zitiert Abū Manṣūr, der hierzu erklärt: „Bezüglich der Deutung und der Herkunft von إيا / īyā habe ich nichts zu hören bekommen"; ferner, nach versuchter volksetymologischer Erklärung: „In Wirklichkeit ist das Wort schleierhaft (مبهم / mubham), es dient zur Bezeichnung des Akkusativs (يكنى به عن المنصوب ). Dem entspricht im Hebräischen die Partikel את /eṯ, die eine kontrahierte Nebenform des aramäischen אית / īṯ zu sein scheint (vgl. dazu W. Gesenius, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch, 76a, penult., 1. Zeichen des determinierten acc.). [34] Zwar erkennt der Lisān (XIV, 62a f.) die Bedeutung des falsch gelesenen آية /āya nach dem koranischen Kontext richtig im Sinne von Zeichen, Beispiel, Vorbild und Wunder, ohne jedoch dessen Herkunft zu erklären. Interessant ist dabei ein anonymes Zitat, wonach آية /āya deswegen āya genannt wurde, weil damit eine Summe der Buchstaben (bzw. der einzelnen Worte) des Koran (لأنها جماعة من حروف القرآن) gemeint seien. [35] Thes., I, 413, 4) constellatio, aymc\d atw\ta (āṯwāṯā ḏa-šmayyā) constellationes coeli, Jer. x. 2, Did. Ap. 87.16. It. signa quibus sol, luna et planetae ab astronomis designantur, quae omnia descripta inveniantur ap. Laud. cxxiii. 245 v. [36] Zu dieser Bedeutung von syrisch ata /āṯā siehe Thes., I, 413, unter β): indicium, argumentum, amyqd ata / āṯā ḏa-qyāmā (Zeichen = Beweis der Auferstehung), Gen. ix. 12, 2 Cor. xii. 12. Damit liefert uns der Thesaurus zugleich den Beleg für das richtige Verständnis der Fehllesungen in Sure 44:36 und 45:25. [37] Anders als die Schreibung فاتوا / fa-'tū (I. arabischer Verbalstamm) in der Parallelstelle von Sure 44:36, gibt der koranische Schriftzug ايتوا hier eindeutig die syro-aramäische Afel-Form (wtya / aytaw) wieder und ist dementsprechend arabisch aytū zu lesen. Die Kairiner Koranausgabe neutralisiert aber das präfigierte Alif des Afel durch ein waṣla, setzt ein unzulässiges hamza auf den folgenden y-Träger und liest das Verbum als stünde es im I. arabischen Verbalstamm: (qālū) 'tū. Die arabischen Grammatiker nennen eine solche Falschbelegung von Schriftzügen تصحيف /taṣḥīf (im Lisān häufig zitiert, da dieses Phänomen auch im nachkoranischen Arabisch nachzuweisen ist). Zwar heißt „bringen" im klassischen Arabisch اتى بـ /atā bi- (im I. Verbalstamm), im Syro-Aramäischen ist es aber die Afel-Form (entsprechend dem IV. arabischen Verbalstamm; vgl. Mannā, 45b: Ytya /aytī: اتى بـ / atā bi-). Davon abgesehen, dass arabisch اتى (atā) dem Syro-Aramäischen entlehnt ist, würde der Imperativ des IV. arabischen Verbalstammes in der 2. Person Plural اوتوا (ūtū bzw. u'tū) lauten, was hier nicht der Fall ist. Die koranische Schreibung gibt daher die syro-aramäische Afel-Form getreu wieder. Solche Schwankungen zwischen dem arabischen und dem syro-aramäischen Verbalsystem begegnen nicht selten im Koran. Eine eingehende Analyse der koranischen Orthographie würde einiges mehr an den Tag bringen. [38] Als Entlehnung aus syro-aramäisch öyb / bayyen hat arabisch بيّن / bayyana die entsprechenden semantischen Nuancen, wie bei Mannā (56a: erklären, verdeutlichen; verständlich machen, lehren) angegeben.
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